Jahrgang 
1928
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Schülerberichte von den Studienfahrten.

1. Fahrt der Unterprimaner in das Rheinisch-Westfälische Industriegebiet.

Wetzlar liegt hinter uns, das ruhige, zufriedene Beamtenstädtchen mit seinen kleinen zweistöckigen Bauernhäusern und den gewaltigen Buderus- und Leitz-Werken, die wir besichtigt hatten, mit seinem Lottehaus und seinem statt- lichen Dom aus rotem und weißem Sandstein, In rieselndem Regen dampfen wir dem verheißungsvollen Dilltal entgegen,

Es ist eine landschaftlich reizende Gegend. Tief eingeschnittene Täler, von einem schnellen Bächlein durch- flossen, dazwischen eingesprengt ein Weiler oder ein Bergwerk, dessen Fördergerüste und Wassertürme in dem umliegenden, hochragenden Wald fast gänzlich verschwinden. Hier brechen die Bergarbeiter unermüdlich die Eisenerze im Stollen, Tag für Tag schlagen die Männer am Leseband das taube Gestein frei, jahraus, jahrein verrichten sie ihre schwere Arbeit im Reiche des roten, schmierigen und doch so wertvollen Gesteins,

Der folgende Tag sah uns in den Geisweider Hüttenwerken, wo wir die Verarbeitung der Eisenerze und des Eisens beobachteten, Im Hochofen ausgeschmolzen, wird das flüssige Eisen in Sandformen gegossen- Zischend schießt es in blendender Weißglut hervor. Die Luft zittert in der ungeheuren Hitze, die Augen werden von dem beißenden, stickigen Schlackenqualm gereizt, das Ohr dröhnt von dem Getöse der wütenden Elemente im Hochofen, von dem Rasseln und Fauchen des pfeifenden, zischenden Dampfes. Und doch scheinen die Arbeiter diese Empfindungen nicht zu kennen, Ruhig tun sie mit nacktem Oberkörper ihre Pflicht, stoßen dem speienden Riesen dieBombe in den Mund, um ihn abzudrosseln. Sie stehen vor dem glühenden Siemens-Martinofen, bringen die heißen Stahl- blöcke ins Walzwerk und arbeiten oft 12 Stunden ununterbrochen vor ihren Maschinen, Es sind stämmige, harte Westfalen und Sauerländer, sie fühlen sich verwandt mit ihren Brüdern im Ruhrgebiet, die in gleicher, zäher Ar- beit die Kohle fördern, um dem Eisen im Dilltal die Freiheit zu geben. Überall freundliche, zuvorkommende Menschen, überall saubere Straßen trotz der vor den Toren qualmenden Schlote der Fabriken, trotz der gewaltigen Industrie, die alles in ihren Bann zieht,

Uber das Ruhrgebiet breitet sich ein unentwirrbares Eisennetz, dessen Knotenpunkt im Ruhrorter Hafen verankert zu sein scheint. Stundenlang fahren wir herum und sehen immer wieder Neues. Gewaltige Rheinkähne, riesige Schlepper, sonderbare Elevatoren, plumpe Kräne, weitverzweigte Wasserstraßen, dazu ein Durcheinander von hol- ländischen Matrosen, niederrheinischen Kaufleuten und Duisburger Hafenarbeitern malen uns ein farbenfrohes

Bild von dem größten Binnenhafen der Welt.

An die Industriestädte schließt sich das Kulturzentrum des Rheinlandes, die Kirchenstadt Köln, an. Hoch ragen die schlanken Türme ihres gotischen Domes empor, gleichsam als wollten sie eine Verbindung zwischen Gott und den Menschen schaffen. Wunderbar bricht der Strahl der untergehenden Sonne durch die aufgelösten Formen. Dach und Turmaufbau scheinen über dem Erdboden zu schweben, Von den Türmen aus überschauten wir ein weites Stück der Kölner Bucht. Zu Füßen lag uns die Großstadt mit ihren Hochhäusern, Gebäudekomplexen, Museen, Anlagen und ihren zahlreichen Kirchen, die der Stadt ihr eigentliches Gepräge geben.

Harald Baumeister Ulb.

2. Fahrt der Oberprimaner nach München, Berchtesgaden, Salzburg.

München.

Mitternacht kamen wir in München an, ermüdet von der langen Fahrt, aber auch erwartungsvoll und freudig ge- spannt auf all das Neue und Schöne in Bayerns Hauptstadt.

Am nächsten Morgen galt unser erster Gang dem Deutschen Museum, Gewaltig erhebt sich an der Isar der majestätische Bau, in dem sich uns Wunder der Technik offenbarten. Endlos dehnten sich die Säle, in über- wältigender Fülle und geistvoller Anordnung standen Werke vor uns, die Ehrfurcht und Bewunderung für den rastlos schaffenden Menschengeist wecken, Fast drei Tage mit wenig Unterbrechungen widmeten wir dem Museum. Je mehr sich Neues uns erchloß, umso fester hielt uns die weihevolle Stätte in ihrem Bann. Wir stiegen ins Bergwerk hinab, wir bewunderten Meisterwerke der Technik, gewannen Einblicke in die Entwicklung der Natur- wissenschaften, Forscher und ihr Werk traten uns näher. Wir standen staunend im Planetarium., Der unendlich weite Himmel war eingezogen in einen Kuppelbau; an gewölbter, wolkenloser Wand stiegen die Gestirne herauf und hinab; wir erlebten bewundernd das ewige SGleichmaß der Bewegung am Firmament, Auf dem Turm des Museums bot sich ein herrlicher Ausblick dar, Grün schäumten unter uns die Isarwogen, Kirchen in stolzer Pracht grüßten herauf, ein klarer, blauer Himmel wölbte sich über die Stadt, und von fern am Horizont schim- merten die Berge!

In all diese Erlebnisse drängte sich Nymphenburg. Still, fernab vom Treiben der Großstadt, unberührt vom Flügel- schlage der Zeit lag das Schloß inmitten wohlgepflegter Anlagen, In den Sälen erschloß sich märchenhafte Pracht der Vergangenheit, unbemerkt schien alles Geschehen hier vorbeigerauscht zu sein. Weit schweifte unser Blick hinaus in den stillen Park, wo die Kaskaden rauschten, wo still der Weiher träumte, auf dem lautlos die Schwäne ihre Kreise zogen.

Unversehens waren wir durch den tiefen Eindruck von Nymphenburg hinübergeglitten ins Reich der Kunst. Die Schackgalerie mit den ſeinen, innigen Bildern eines Lenbach und Schwind und mit den farbenglühenden, phan- tastisch-düsteren Gemälden eines Böcklin, der Glaspalast, der das Ringen der heutigen Maler und bildenden Künstler mit Gestaltungslorm und Problemen zeigte, die Staatsgalerie mit Liebermann, Uhde und Stuck und schließlich die beiden Pinakotheken, sie alle schenkten uns Unvergeßliches, spendeten uns eine Fülle vom un- vergänglichen Reichtum deutschen Lebens. Wilhelm Reimold Ola

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