denen Schulgattungen aufzufassen und zu erreichen sind, und doch muß nach den langjährigen Kämpfen um die innere und äußere Gleichberechtigung aller höheren Schulen, die Wesens- gleichheit aller höheren Schulbildung anerkannt werden. Worin liegt nun diese Wesensgleichheit? Sie haben, liebe Abiturienten, auf unserer Oberrealschule in den verschiedenen Unterrichtsfächern gar mancherlei Wissensstoff sich angeeignet aus den Gebieten der Geisteswissenschaften, der Naturwissenschaften und der Mathematikk. Manches von dem, was Sie Ihrem Gedächtnis einge- prägt haben, worüber Sie in der Reifeprüfung Rechenschaft ablegen mußten, wird aber nicht dauernd in Ihrem geistigen Besitz bleiben. Sie werden viele Einzelheiten vergessen, damit Raum wird in Ihrem Bewußtsein für neues Wissen und neues Können, das Sie im Erleben und im Schaffen nach der Schulzeit sich anzueignen haben. Ist dann die Reife, die wir Ihnen jetzt zu-— sprechen konnten, wieder gesunken oder gar geschwunden?
Von erfahrenen Männern, die durch Beruf und Lebensstellung von den Schulwissenschaften ab- gelenkt wurden, habe ich das Geständnis gehört, daß sie nicht mehr in der Lage wären, noch- mals die Reifeprüfung zu bestehen, weil sie zuviel von ihrem Schulwissen vergessen hätten. Und doch waren sie reif geblieben und noch viel reifer geworden mit den Jahren. Die Reife hängt gewiß mit der Schulbildung zusammen und muß aus ihr hervorgehen, aber sie kann nicht die Summe des Wissens sein, das auf der Schule erworben und später zum Teil wieder vergessen wird. So haben wir in der Prüfung auch die Pflicht gehabt, das Urteil über Ihre Reife nicht nur auf Ihr Schulwissen zu gründen, Wir hatten an erster Stelle in einem Gutachten ihre ganze geistige Persönlichkeit zu beurteilen, zu entscheiden, wes Geistes Kinder Sie sind, welche Fähig- keiten und Kräfte in Ihnen leben, wie Verstand und Gefühl und Wille in Ihnen zusammen- wirken, Nicht im Wissen allein, in der Persönlichkeit vor allem liegt heute das Urteil über die Reife eines jungen Menschen begründet, und das mit Recht. Im Erwerb Ihres Wissens und Kön- nens haben Sie auf der Schule Fähigkeiten und geistige Kräfte herangebildet und geübt und ein persönliches Wesen entwickelt, und diese Fähigkeiten und Kräfte Ihres Geistes und dieses Wesen Ihrer Persönlichkeit sind die Grundlage, auf der Sie nach der Schulzeit Ihr Wissen und Können erneuern, vertiefen und erweitern, die Grundlage, auf der Sie Ihr eigenes Leben selbständig ge- stalten, kurz, die Grundlage der Weltanschauung und Lebensauffassung, zu der Sie schon als Primaner heranreifen sollen.
Auf der Oberrealschule bilden die Naturwissenschaften eines der Hauptgebiete, auf dem sich Ihre geistigen Fähigkeiten üben und entwickeln sollten, Sie haben lernen sollen die Augen zu öffnen für die Wunder der Natur, an denen manch anderer stumpf und teilnahmslos vorüber- geht, Sie haben erkennen sollen, wie solche Wunder von gewaltigen ewigen Gesetzen beherrscht werden, die umso wunderbarer uns ergreifen, je tiefer wir in ihr Walten eingedrungen sind, Aus solcher Naturbetrachtung erwächst unsere Weltanschauung,.
Wir haben in unseren philosophischen Stunden eine Schrift gelesen und besprochen, die auf das Wesen der Naturgesetzlichkeit hinführte und von den einfachsten Tatsachen der natur- wissenschaftlichen Forschung aus den Weg zu einer Weltauffassung anbahnte., Es war ein Vor- trag des großen Mannes, der unserer Schule seinen stolzen Namen geliehen hat, des großen Naturforschers Helmholtz, der als Philosoph wie kaum ein anderer es verstanden hat, die nackten Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung für seine Weltanschauung fruchtbar zu machen. Helmholtz hatte sich in seinem Vortrag die Frage gestellt:„Was ist eigentlich wirklich an den Tatsachen, die wir in der Welt um uns herum wahrnehmen?“ Eine seltsame Frage für den natürlichen Menschen, der sich nicht mit Physik und Philosophie beschäftigt hat und der da meint, daß alles, was er sehen und hören und fühlen kann, in der Welt auch wirklich so vor- handen ist, wie er es mit den Sinnen wahrnimmt, daß die Farben, die Härte, die Wärme und was wir sonst an den Körpern beobachten, Eigenschaften der Körper sind, die an ihnen haften, und wie die Körper selbst in Wirklichkeit so bestehen, wie wir sie wahrnehmen. Wir brauchen nicht Philosophen zu sein, um zu wissen, daß es in Wirklichkeit gar keine Farbe gibt. In der Physikstunde erfährt schon der Tertianer, daß die verschiedenen Arten des Lichtes, die wir als Farben bezeichnen, nur unserem menschlichen Bewußtsein als solche erscheinen, in Wirklich- keit aber als Wellenbewegungen gelten, die sich nur durch die Länge ihrer Wellen unterscheiden. Und so ist es mit allen unseren Wahrnehmungen. Sie bestehen als Sinnesempfindungen nur in unserem Bewußtsein, was ihnen in der Außenwelt als Wirklichkeit entspricht, ist etwas ganz anderes. Die Wirklichkeit der Außenwelt tritt uns nach Helmholtz nicht in dem vergänglichen
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