Wir ſtiegen ein, ein Pfiff, und im nächſten Moment rollte der Zug davon. Bei einer Umſteige ſtation merkten wir, daß 2 Miſſchüler fehlten. Da uns jedoch unſer Führer angegeben hatte, wie wir uns in derartigen Fällen zu benehmen hätten, konnten wir uns getroſt in unſer Hotel begeben. Dort wurden wir im„Parloir“, das heißt Empfangszimmer, von dem Direktor in ſehr freundlicher Weiſe empfangen. Die beiden verloren gegangenen Teilnehmer hatten ſich in der Zwiſchenzeit auch eingefunden, und wir gingen nun zuerſt nach dem gemeinſamen Waſchraum.
Darauf begaben wir uns in den Speiſeſaal, denn nach 12 Stunden Eiſenbahnfahrt be kommt man allmählich Appetit. Nach dem Eſſen kauften wir Poſtkarten und Marken, was ſich auch zu unſerer Zufriedenheit erledigte. Das Hotel beherbergte an dieſem Abend kaum eine Gruppe fröhlicherer Menſchen als uns 16 deutſche Schüler. Ziemlich frühzeitig ſtiegen wir hinauf in die für uns reſervierten Zimmer, und da wir von den Strapazen des Tages ermüdet waren, lag bald alles in tiefem Schlummer.
Morgens 5 Uhr regt es ſich ſchon wieder und bald iſt die ganze Geſellſchaft aus den Federn. Gegen 7 Uhr ſtehen wir marſchbereit vor dem Hotel. Unſer erſter Gang ſollte uns einen Uberblick bringen über das, was wir nachher gründlicher beſuchen wollten. Wir gingen von unſerem Hotel zunächſt nach der Place de la Bastille. Hier ſtand ehemals die Bastille, ein Staatsgefängnis, welches am 14. Juli 1789 erſtürmt wurde. Dieſer Tag iſt noch heute der größte Feſttag der Franzoſen. Er wird durch das Nationalfeſt mit großem Pomp gefeiert. An Stelle des früheren Gefängniſſes erhebt ſich jetzt die Juliſäule. Auſ der Spitze ſieht man den Genius der Freiheit, welcher eine zerbrochene Kette und die Brandfackel trägt. Lon dieſem Platze gingen wir nach der Rue de Rivoli, der längſten und verkehrsreichſten Geſchäftsſtraße von Paris, dem Rathaus(Hotel Dieu) und dann an die berühmte Kirche Notre Dame. Sie erhebt ſich an der Stelle, wo bereits vor 1400 Jahren unter Childebert eine Kirche erbaut wurde. Der Bau der jetzigen Kirche dauerte mehrere Jahrhunderte. Das Innere hinterläßt auf den Beſucher wegen der koſtbaren Ausſtattung eine unauslöſchliche Er⸗- innerung. Der Kirchenſchatz birgt Kleinodien von unermeßlichem Werte, u. a. den Krönungs⸗ mantel Napolcons I, ſowie die Dornenkrone Chriſti. Con hier gelangten wir an das Palais de Justice. An der Faſſade nach dem Quai de l'horloge ſteht der Uhrturm(Tour de l'horloge). Dieſer ſowie die 3 Türme auf dem Quai ſind Wahrzeichen der Stadt und waren Zeugen vieler wichtiger Ereigniſſe. Die Turmuhr iſt die älteſte in Europa, denn ſie iſt bereits ums Jahr 1367 von einem Deutſchen namens Lie gefertigt und aufgeſtellt worden. Auf dem Turme, welcher die Uhr trägt, hängt jene ſilberne Glocke, die von der Eglise St. Germain l'Auxerrois her das Signal für die Ermordung der Hugenotten gab.
Wir überſchritten den Pont au Change und kamen an den Turm St. Jaques. In dem mittleren Bogen der Lorhalle des Turmes finden wir das Denkmal des berühmten Gelehrten Blaise Pascal, der auf dieſem Turme ſeine erſten Experimente über die Schwere der atmo⸗ ſphäriſchen Luft und die Anwendung des Barometers für Höhenmeſſungen vornahm. Lon hier kreuzten wir die ſchon vorhin erwähnte Rue de Rivoli und ſtanden bald vor dem größten und koſtbarſten Muſeum der Welt, dem Louvre Das Louvre war früher eine Feſtung, be— ſtimmt, den Handel auf der Seine zu ſchützen. Die Beſichtigung der Schätze des Muſeums ſparten wir für einen ſpäteren Tag auf..
Lon dorkt gingen wir durch den Arc de Triomphe du Carrousel, einen Prachtbau, welchen Napoleon I. im Jahre 1806 zur Erinnerung an ſeine 1805—1806 errungenen Siege aufführen ließ, in die Jardins des Tuileries. Dann überquerten wir den Place du Palais Royal, um das Palais Royal, d. h. Königspalaſt, zu beſichtigen. Es war urſprünglich für den Kardinal Richelieu erbaut. Seit dieſer Zeit wurde es abwechſelnd von Königen, Herzögen, ſowie von den Führern der Jakobiner bewohnt. Bis in das Jahr 1871 war ſeine Umgebung ein Hauppunkt des Pariſer Geſchäftslebens. Als in dieſem Jahre ein großer Teil des Palaſtes der Brandfackel der Kommuarden zum Opfer fiel und ſich das Geſchäftsleben in andere Ver⸗ kehrszentren zog. war es mit der Herrlichkeit des Palaſtes vorbei. Von hier gingen wir nach der Place de la Concorde, mit dem Obelisque de Louqsor. Hier ſtanden wir auf einem der ſchönſten Plätze der Welt, wenn auch manche ſeiner Erinnerungen wenig erfreulich ſind. Auf dieſem Platz wurden 1793 Charlofte Corday, König Ludwig XVI., Maria Antoinette ſamt den Girondiſten und Dauton hingerichtet. Zu dieſer Zeit führte er den Namen Place de la Réevolution. Seit 1800 heißt er Place de la Concorde, d. i. Eintrachtsplatz. Durch den berühmten Obelisken von Louqsor erhielt der Platz ſeinen eigenarkigſten und intereſſanteſten Schmuck. Dieſer Obelisk, ein Geſchenk des großen Mohemed Ali an Louis Philipp, wurde 1833 nach Frankreich gebracht.
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