Jahrgang 
1915
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in seinem Kreise unersetzlich war, so gilt das von ihm. Der Nachruf, den der stellvertretende Direktor bei der Trauerfeier am 23. November dem unvergeßlichen Kollegen widmete, mag hier wiederholt werden.

Liebe Schüler!

Eine schmerzliche Trauerkunde hat uns hier zusammengerufen. Unser lieber Herr Otto Schieck ist am Freitag auf russischem Boden den Tod fürs Vaterland gestorben im Alter von 37 Jahren. Ihn be- trauert die Gattin und ein Töchterchen, ihn betrauert die hochbetagte Mutter, Angehörige und Freunde und mit ihnen die Schule. Unendlich viel haben wir an ihm verloren; Größeres durften wir von ihm er- warten. So unermeßlich wertvoll die Güter sind, die wir in diesem furchtbaren Kriege verteidigen, so schwer ist der Preis, den wir für die Erhaltung dieser Güter zu zahlen haben. Die ganze Not des deutschen Volkes tritt uns vor Augen, wenn Männer wie Otto Schieck im Kampfe fallen müssen, um Deutschlands Freiheit und Ehre zu verteidigen, um Deutschlands Kultur vor der Überflutung durch russische Barbarei zu retten.

Geboren in Plauen i. V., wo er auch das Gymnasium durchmachte, studierte Otto Schieck in Leipzig, Halle und Berlin klassische und romanische Philologie und kam dann Ostern 1905 zum ersten Male zu uns, um sein Seminarjahr abzuleisten. Aber schon zu Michaelis verließ er uns wieder, um noch während seines Seminar- und Probejahres die Stellen von wissenschaftlichen Hilfslehrern auszufüllen, zu- erst in Wiesbaden, dann in Fulda. Allein in jenem kurzen Sommerhalbjahr hatte er sich unter der An- leitung Direktor Bruhns überraschend schnell in die Eigenart unserer Schule und ihrer Unterrichtsweise hineingefunden, und als zu Ostern 1907 eine Oberlehrerstelle am Goethe-Gymnasium frei wurde, beeilte sich Direktor Bruhn, Otto Schieck für diese zu gewinnen. In kurzer Zeit hatte er sich seine Stellung gesichert unter den Lehrern, wie gegenüber den Schülern und ihren Eltern. Nur 7 Jahre hat er dann in unserem Kreise gewirkt, aber es waren Jahre einer reichen Entfaltung und einer segensvollen Tätigkeit.

Weit wie der Kreis der Interessen, die er hegte, war der Kreis der Fächer, die er unterrichtete, vorzugsweise Griechisch und Latein, daneben aber auch Französisch, Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Turnen. Otto Schieck war ein überzeugter Anhänger des Gymnasiums, durchdrungen von der Bedeutung der humanistischen Bildung für die Kultur unseres Volkes. Selbst mit gründlichen Kenntnissen in den Sprachen von der Schule und der Universität her ausgerüstet, galten ihm sichere Kenntnisse bei den Schülern als selbstverständliche Voraussetzung für eine fruchtbringende Lektüre. Klar und bestimmt waren seine Forderungen, und mit seiner ruhigen und sicheren Art wußte er seine Schüler zur Erfüllung dieser Forderungen zu erziehen. Die erziehliche Kraft, die der Beschäftigung mit den alten Sprachen innewohnt, wird keinem seiner Schüler verborgen geblieben sein, der sich willig seiner Führung anvertraute; und den andern wird vielleicht später das Leben die Augen öffnen. Erst auf dieser Grundlage des sicheren Wort- verständnisses baute sich ihm das Verständnis des Kunstwerkes auf, führte er seine Schüler bis in die lichten Höhen des Platonischen Symposions.

Er war ein strenger Lehrer, insofern er ehrliche Arbeit verlangte und alle Oberflächlichkeit und Unklarheit haßte. Aber im Verkehr war er nicht streng, da handhabte er lieber die leichtere Waffe des Scherzes und des Spottes und, wo es sein mußte, auch das wuchtige Schwert der Ironie und des Sarkasmus. Er begnügte sich nicht mit der Forderung. Er ging jedem Schüler in seiner Eigenart nach und suchte die Hemmungen in dem Charakter eines jeden zu ergründen, um durch deren Beseitigung die Bahn für den Fortschritt frei zu machen.

So war er Lehrer und Erzieher mit Leib und Seele. Unermüdlich arbeitete er an sich selbst, suchte er seine eigenen Kenntnisse zu vertiefen und die Kunst des Unterrichtens zu vervollkommnen und zu verfeinern. Aber die Schule war ihm nicht alles. Daneben hegte er noch eine wirkliche Leiden- schaft, die auf der Universität zeitweise der Wissenschaft gefährlich zu werden drohte, die Leidenschaft für die Musik. Er machte wenig Aufhebens von seiner ungewöhnlichen musikalischen Begabung, und mancher hat vielleicht lange neben ihm dahingelebt, ohne etwas davon zu merken. Als Lehrer duldete er niemals, daß der Dämon mit dem schwarzen Flügel, wie er mit Hinblick auf sein Instrument wohl scherzend zu sagen pflegte, die Forderungen der Pflicht beeinträchtigte. Er hielt ihn in strenger Zucht, und das ist bezeichnend für die Klarheit und Sicherheit seines Wesens. Er forderte in der Tat nicht von anderen, was er nicht selbst leistete.