21
Neben der klassischen Philologie hatten ihn auf der Universität auch die romanischen Sprachen und Literaturen beschäftigt. Mit einer größeren wissenschaftlichen Arbeit auf diesem Gebiet war er beschäftigt, als er Ostern dieses Jahres zu längerem Aufenthalt nach Frankreich ging. Nach den Sommer- ferien hofften wir ihn wieder mit frischen Kräften an unserer Anstalt wirken zu sehen. Da kam der Krieg, der ihn sofort zu den Fahnen rief.
Es war ein beschwerlicher Dienst, den seine Division zu leisten hatte; wir kennen ihn alle aus Karten und Briefen, die ich hier verlesen konnte, zuletzt noch am vorigen Dienstag: Mühsame Märsche, Bereitschaftsstellungen ohne Gelegenheit zum Eingreifen, endlose Bahnfahrten, die ihn von Thorn bis nach Königsberg im Norden und bis nach Breslau im Süden führten. Die grundehrliche Art des Mannes zeigte sich uns noch einmal in der ungeschminkten Schilderung dieser prosaischen Leiden, deren lberwindung doch auch ein Heldentum eigener Art darstellt. Und noch ein anderes zeigten seine Mitteilungen aus dem Felde immer wieder, die Sehnsucht nach Weib und Kind und die Sehnsucht nach der Schule und seinen Schülern. Er hatte viel zu verlieren, und er wußte es. Er freute sich des Glückes, das ihn umgab, und hätte es gerne noch länger genossen. Und trotzdem ging er freudig ins Gefecht, als seine Truppe endlich in die Schlachtlinie einrückte. Vor 14 Tagen meldete er uns telegraphisch, daß er das Eiserne Kreuz erhalten habe, und nun hat ihn die tödliche Kugel getroffen. So hat er die Treue gehalten bis in den Tod, hat er auch hier jene gestlose Pflichterfüllung betätigt, die er sein Leben lang vor allem von sich selbst verlangte.
Wir trauern um den charakterfesten und reichbegabten Mann, um den hervorragenden Lehrer und Erzieher, um den liebenswürdigen und stets hilfsbereiten Freund und Kollegen. Aber in den Schmerz mischt sich der Stolz, daß wir sagen können: Er war unser. Und wir haben ein Recht, es zu sagen. An unserem Gymnasium hat er mit ganzer Seele gehangen, an der Weiterentwicklung unserer Schule, deren sie wie jede menschliche Einrichtung bedarf, um nicht zu rosten, hat er unermüdlich gearbeitet. So wollen auch wir ihm die Treue bewahren und sein Andenken unter uns lebendig erhalten, solange wir selber leben.
Im Zeichen des Krieges stand in gewissem Sinne auch unsere Weihnachtsfeier, für die Herr Prof. Dr. Wünnenberg das Weihnachtsoratorium von Fidelis Müller, Domdechant in Fulda, eingeübt hatte. Die Einzel- stimmen zu übernehmen hatten folgende Damen und Herren die große Freundlichkeit gehabt: Frl. U. Hübsch (Sopran), Frl. J. Fröhlich(Alt), Herr E. Pfannkuch(Tenor), Herr K. Lemcke und Herr Dr. Paehler(Babß). Außer der Aufführung für die Schule am 19. Dezember und einer zweimaligen Aufführung für die Angehörigen unserer Schüler und Freunde der Anstalt am 21. und 22. fand am Sonntag, den 20. Dezember noch eine besondere Aufführung statt für etwa 300 Verwundete aus den hiesigen Lazaretten. Vorher wurde den lieben Gästen Tee und Kuchen gereicht, wobei folgende Damen in liebenswürdiger Weise die Bewirtung übernommen hatten: Frau Banner. Frau Buecheler, Frau Flersheim, Frau von Metzler, Frau Oswalt, Frau Preiser, Frau Rolfes, Frau Seligmann, Frau von Steiger, Frau Vilmar, Frau Wünnenberg. Wir möchten wünschen, daß diese kleine Feier, mit ihren ergreifenden und erhebenden Eindrücken, allen Beteiligten so unver- geßlich bleibe wie uns. Eine ausführlichere Beschreibung findet sich in dem zweiten Bericht der Dekurionen an unsere Angehörigen im Felde. Durch den Kartenverkauf für die dritte und vierte Aufführung erzielten wir einen Reingewinn von 900 ℳ. Wir haben ihn der Nationalsammlung für die Hinterbliebenen überwiesen.
Bemerkungen zu den folgenden Ehrentafeln:
Zu unseren Angehörigen rechnen wir alle Schüler des alten Städtischen Gymnasiums bis Ostern 1892 einschließlich, von da an die Schüler der Michaelisklassen und derjenigen Osterklassen, die nach dem sog. Frank- furter Lehrplan unterrichtet wurden. Ehemalige Schüler, die auf eine andre Anstalt übergegangen sind, glaubten wir nur dann uns zurechnen zu dürfen, wenn sie selber den Wunsch zu erkennen gaben, den alten Zusammen- hang aufrecht zu erhalten. An der Spitze jeder Liste stehen die Lehrer, die jetzt an der Anstalt tätig sind, sowie Lehrer und Kandidaten, die einmal unserem Kreise angehört haben. Darauf folgen die Abiturienten, nach Jahrgängen geordnet. Schüler, die vor der Reifeprüfung die Anstalt verlassen haben, sind zu dem Jahrgang gestellt, bei dem sie zuletzt waren, und durch ein* kenntlich gemacht. EK bedeutet Eisernes Kreuz, HT Hes- sische Tapferkeitsmedaille, BM Bayerischer Militärverdienstorden. Für die Lücken und Fehler rechnen wir auf gütige Nachsicht und bitten herzlichst um Ergänzungen und Berichtigungen.


