Jahrgang 
1906
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Zum hundertjährigen Geburtstage Johannes Classens, der während der Jahre 1854 1864 das städtische Gymnasium geleitet hatte, und dessen noch mancher alte Frankfurter in Dankbarkeit sich erinnert, schenkten uns seine beiden Söhne Johannes und Theodor eine schöne Heliogravüre des im Hamburger Johanneum befind- lichen Originalgemäldes ihres Vaters. Wir hoffen, daß die milde und humane Persönlichkeit des Verewigten das Goethe-Gymnasium nicht nur rechtlich, sondern auch nach dem Geiste, der es beseelt, als echtbürtige Nach- folgerin der von ihm geleiteten Anstalt anerkannt haben würde.

Mit Beginn des Sommersemesters trat Herr Oberlehrer Dr. Schmedes sein Amt als etatsmäßiger Ober- lehrer am Goethe-Gymnasium an. Ober seinen Lebensgang berichtet er folgendes:

Julius Schmedes, geboren den 27. Januar 1864 in Bremen, ref. Bekenntnisses, besuchte das Gymna- sium seiner Vaterstadt, studierte von Ostern 1883 an in München, Berlin und Kiel klassische und deutsche Philo- logie und trat am letztgenannten Orte Ostern 1888 als Einjähriger in das Heer ein, dem er später bis zu seiner Verabschiedung im Februar 1904 als Leutnant der Reserve und der Landwehr angehört hat. Im Juni 1890 be- stand er in Kiel das Staatsexamen. Nachdem er an den Gymnasien zu Altona und Kiel praktisch ausgebildet war und während dieser Zeit auch promoviert hatte, war er an verschiedenen höheren Schulen Schleswig-Holsteins als Hülfslehrer tätig, bis er zum Oberlehrer am Gymnasium in Schleswig ernannt wurde. Von dort wurde er zu Ostern 1905 an das Goethe-Gymnasium berufen.

Leider hat die Chronik dieses Schuljahres auch von Verlusten zu berichten. Sonntag, den 10. September traf uns plötzlich die Nachricht, daß am vergangenen Abend ein Schüler unserer Anstalt, der Unterprimaner Hugo Keßler, bei einem Bootsunglück in den Wellen des Mains seinen Tod gefunden hatte; sie wirkte um so erschütternder, da der Jüngling der einzige Sohn seiner Mutter war, der die Folgen längerer Kränklichkeit nun endlich über- wunden hatte. Seinen Lehrern war er durch sein zart zurückhaltendes, liebenswürdiges Wesen stets wert gewesen, und auch seine geistige Entwicklung gestaltete sich durchaus hoffnungsvoll, seitdem die körperlichen Hemmnisse überwunden waren. Die ganze Schulgemeinde nahm an der ergreifenden Trauerfeier teil.

Sie sollte sich nur zu bald wieder zu gleichem Anlasse versammeln. Von einer Ferienreise nach Meran war Herr Professor Bopp mit einer schweren Halsentzündung heimgekehrt; das Übel verschlimmerte sich, weil das Herz in Mitleidenschaft gezogen wurde. Einige Tage hindurch schien es, als dürften wir wieder hoffen; dann schwand dem Kranken das Bewußtsein, und am Nachmittage des 9. November wurde er durch einen sanften Tod von seinen Leiden erlöst.

Karl Bopps äußeres Leben hat sich in einem engen Kreise abgespielt. Geboren in Frankfurt a. M. am 29. Juni 1856, als Sohn des verstorbenen Kaufmanns Johann Philipp Bopp, besuchte er die höhere Bürgerschule, dann das Frankfurter städtische Gymnasium, von dem er Ostern 1876 mit dem Zeugnis der Reife abging, um in Göttingen Mathematik und Philologie zu studieren. Schon Michaelis 1879 kehrte er als Lehrer an das Frankfurter Gymna- sium zurück und wurde dort 1883 definitiv angestellt; als dann das städtische Gymnasium sich zu zwei ge- trennten Zweigen, dem Lessing- und dem Goethe-Gymnasium, auswuchs, folgte Karl Bopp Herrn Geheimrat Reinhardt an unsere Anstalt und hat an ihr bis zu seinem Tode gewirkt. Wieviel Dank, Liebe und Verehrung der Heimgegangene sich bei seinen Schülern und seinen Kollegen, bei seinen Freunden und bei seinen Mitarbeitern auf dem Gebiete der Wohlfahrtsarbeit gewonnen hatte, zeigte die Trauerfeier, die Sonntag den 12. November auf dem städtischen Friedhof unter Beteiligung der ganzen Schulgemeinde stattfand. Was uns Karl Bopp gewesen ist, darf ich hier wohl in den kurzen Worten wiedergeben, mit denen ich am Sarge die Kranzspende des Lehrer- kollegiums und der Schüler niederlegte:

Liebe Trauerversammlung!

Noch kein Vierteljahr ist vergangen, seit wir Lehrer und Schüler des Goethe-Gymnasiums einem der Unseren das letzte Geleit gaben, und schon sind wir wieder zu einer Trauerversammlung hier vereinigt. Damals ein Jüngling, heute ein Mann in seiner Vollkraft; damals die hoffnungsvolle Blüte, heute die reife Frucht; heute wie damals drängt sich die Frage auf: mußte es sein? Aber wir wollen solche Fragen menschlichen Vorwitzes zurückdrängen, wir wollen uns lieber an der Bahre des Toten dankbar erinnern, was uns der Lebende gewesen ist.

Denn er war unser. Nicht nur in dem Sinne, daß er ein treuer Sohn seiner Vaterstadt war, der nicht bloß sein äußeres Leben gehörte, an der er hing mit seinem ganzen Herzen auch so, daß er unserer Schulgemeinde in ganz besonderem Mabe zu eigen war. Er verdankt seine Bildung dem Frank-

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