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furter städtischen Gymnasium; noch ehe er das Staatsexamen bestanden hatte, trat er als Lehrer an derselben Schule wieder ein und hat ihr dann seine Arbeit gewidmet, bis ihn der Tod abrief; er selbst hat es mir gegenüber nachdrücklich betont, daß das Goethe-Gymnasium, an dem er seit dessen Beginne tätig gewesen ist, nach dem Willen seiner Begründer nicht eine Neuschöpfung, sondern nur eine Umbildung des einen Zweiges der alten Humanistenschule sei.
Wenn das Goethe-Gymnasium auf dem neuen Wege das alte Ziel auch in der Mathematik erreicht hat, so dankt es das nicht einem Manne allein, aber allerdings ganz besonders unserem jetzt heimge- gangenen Professor Bopp. Jeder Stand hat seine besonderen Tugenden; dem Lehrer ist keine so nötig wie die Treue, auch im Kleinen und Kleinsten. Karl Bopp hat solche Treue bewiesen, sein Leben lang bis an seinen Tod. Ich habe ihn kurz vor den Ferien, als er auf dem zugigen Flur seine Inspektion abhielt und ich ihm am Klang seiner Stimme die Erkältung anhörte, geraten, sich zu schonen, seinen Unterricht lieber auszusetzen; er erwiderte mir lächelnd, das sei nicht nötig. Und nicht ohne schmerz- lichen Unmut teilte er mir beim Beginne seiner letzten Krankheit mit, daß nun auch er einmal fehlen müsse.„Es war immer mein Stolz,“ so schrieb er,„daß ich dank meiner zähen Gesundheit und dank meiner Erziehung, die jede Nachgiebigkeit gegen mich selbst ausschloß, wohl am seltensten unter allen Kollegen die Schule versäumte. Fast scheint es, als ob dieser Stolz gebrochen würde.“
Diese Treue hat er sich nicht mit Hilfe eines starren Moralprinzips abgezwungen; sie war im wesentlichen der Ausdruck jener tiefen Herzensgüte, die keinem an ihm, selbst bei oberflächlicher Bekannt- schaft, verborgen bleiben konnte. Die schwerste Lehrertugend ist die Geduld; unser heimgegangener Freund hat sie geübt wie keiner von uns anderen, nicht aus bloßem Pflichtgefühl, sondern aus innerem Mitgefühl mit den Schwachen, die ihrer am meisten bedurften, und mancher seiner Schüler wird sich bewußzt sein, daß er ohne diese stets hilfsbereite, nimmer ermüdende Geduld seines Lehrers sein Ziel nicht erreicht hätte.
Helfen war ihm eine Freude, ein Bedürfnis, die natürliche Kußerung eines starken inneren Triebes. Das hat jeder erfahren, der an seine Tür klopfte; er hat keinen Notleidenden abgewiesen, auch auf die Gefahr hin, einmal einen Unwürdigen zu unterstützen. Aber das haben auch wir, seine Kollegen, alle erfahren, im Großen wie im Kleinen. Wie viel Zeit und Arbeit hat er, der alleinstehende Mann, für die Witwen- und Waisenkasse des städtischen Gymnasiums verwandt! Und wenn irgend einer von uns, seinen Kollegen, den Rat und die Hilfe eines lebens- und geschäftskundigen Mannes brauchte, so wußte er, daß Karl Bopp jederzeit bereit war, mit freundlicher Teilnahme ihn anzuhören und mit Rat und Tat ihm zu helfen.
„Ja, sie haben einen guten Mann begraben, und uns war er mehr“— so werden wir auch mit dem Dichter von unserem toten Freunde sagen können. Nun wird die Flamme, was sterblich an ihm war, verzehren; Staub will er zum Staube zurückkehren. Aber wenn unser leibliches Auge ihn auch nicht mehr erblicken wird, wir wollen dem Treuen die Treue halten: bei uns allen vom Goethe-Gymnasium, seinen Kollegen wie seinen Schülern, bleibt sein Andenken in Segen.
So nimm unsern letzten Gruß entgegen: Have pia anima!
Im übrigen ist das Lehrerkollegium während des verflossenen Schuljahres von schwereren Erkrankungen verschont geblieben. Zu militärischen Ubungen waren die Herren Oberlehrer Dr. Prigge, Hahn und Wirtz ein- berufen; ihre Vertretung konnte meist durch die Mitglieder des pädagogischen Seminars erwirkt werden, ohne daß das Kollegium dadurch belastet wurde.
2. Das Königliche Pädagogische Seminar.
Dem Pädagogischen Seminar gehörten im Berichtsjahre als Mitglieder an die Herren: Dr. Nikolaus Hadeler, Albert Keppler, Immanuel Lieberknecht, Dr. Artur vor Mohr, Heinrich Nadermann, Ewald Remy, Leo Reuter, Otto Schieck(nur im Sommerhalbjahr 1905; er wurde zu Michaelis 1905 dem Königlichen Gymnasium in Wiesbaden überwiesen). Frau Dr. Gräfin Gabriele von Wartensleben nahm an den Sitzungen regelmäßig teil. Als ständige Lehrer waren außer dem Direktor die Herren Professor Dr. Banner, Oberlehrer Weiß und Ober- lehrer Dr. Weismantel tätig. Herr Geh. und Ober-Regierungsrat Dr. Paehler unterzog am 23. Januar 1906 das Seminar einer eingehenden Revision.


