Jahrgang 
1905
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Und wie die Kinder dem Vater, so haben ihm seine Schüler allezeit mit Liebe und Vertrauen gegenüber gestanden. Was Bismarck einst den deutschen Lehrern sagte, daß die Sonne dem Wandrer leichter den Mantel zu entreißen vermöge als der Nordwind, hat Herr Geh. Rat Reinhardt stets in seiner Lehrertätigkeit befolgt und wohl manchen, der es nicht wußte, gelehrt. Er hat sich immer als väterlicher Freund seiner Schüler gefühlt und nie gesucht, sich durch eine Mauer steifer Amtlichkeit von ihnen abzuschließen. Er hat nie geglaubt, daß militärische Zucht das Ideal der Schulzucht sei, sondern sich immer bestrebt, seine Schüler durch Freiheit zur Freiheit zu erziehen. Aber das läßt sich nicht deutlicher und nicht schöner sagen, als mit den Worten, die er selbst bei der letzten Abschiedsfeier an seine Schüler richtete:

Die Freude an der Jugend, an den Blicken der Kinder, der Knaben, der Jünglinge, an ihrer Art und ibrem Streben, die lebt in mir, ich habe sie mir nicht selbst gegeben oder erworben, es ist eine Gabe, für die ich Gott dankbar bin. Und das ist wohl in meinem Berufe, in der Wirksamkeit, die ich habe aus- üben können, die Hauptsache gewesen. Denn das Wohlwollen eines Mannes wirkt auf den Knaben, wie der Sonnenschein auf das Ackerland, es lockt die Keime, die in ihm verborgen sind; und ebenso das Mit- gefühl für den Leidenden, dem das Ringen mit dem Leben und der Arbeit schwer wird. Dieses Mitleiden und diese Mitfreude kann sich der Mensch ja nicht selber geben, es muß in ihm sein, sofern er ein ordent- licher Schulmeister werden will. Das ist wohl, was Euch, meine lieben Schüler, alt und jung, bei harter Arbeit und ernsten Forderungen wie beim fröhlichen Spiel mir verbunden, Euch zutunlich, willig und empfänglich gemacht hat, daß Ihr wußtet: Der Mann, der mir ins Auge sieht, der mir die Hand drückt, er hat mich gern, er hat mich lieb, nicht weil eine hohe vorgesetzte Behörde das so angeordnet oder ge- wünscht hat, nicht auf Grund einer pädagogischen Theorie, weil das in pädagogischen Büchern steht, sondern weil er gar nicht anders kann. Die lebendige Beziehung vom Menschen zum Menschen ist es, die uns aneinander knüpfte.

Von der Schulgemeinde in ihrem gegenwärtigen Bestande verabschiedete sich Herr Geh. Rat Reinhardt am Vormittage des 17. September in der Aula. Herr Stadtrat Grimm sprach ihm im Namen des Kuratoriums, Herr Professor Römer im Namen des Lehrerkollegiums mit herzlichen Worten dessen Dank und Abschieds- wünsche aus; Herr Geh. Rat Reinhardt erwiderte in kurzer, zu Herzen gehender Ansprache, die sich an Lehrer und Schüler richtete, von derselben Stelle aus an der er,jetzt selber ein Abiturient, so oft die Abiturienten entlassen hatte.

Aber die Fröhlichkeit die unser Direktor so gern um sich verbreitet und so gern geteilt hatte, forderte auch bei diesem Abschiede ihr Recht. Zahlreiche Freunde und Kollegen, die Primaner unsers Jahrganges, vor allem aber eine unabsehbare Zahl seiner früheren Schüler vereinte am Abend im großen Saale des Saalbaues ein fröhlicher Kommers. Alte und junge Schüler hatten sich bemüht, durch lyrische und dramatische Beiträge die Preude des Festes zu mehren, und neben den Gelegenheitsdichtern hatte ein wirklicher Poet eine Gabe gespendet. Eine dramatische Szene von Rudolf Presber,Ein Auftakt, ließ die deutsche Mutter würdig verkörpert durch Frl. Thessa Klinkhammer vom hiesigen Schauspielhause und ihre Söhne aussprechen, was Jung und Alt dem verehrten Lehrer zu danken sich bewußt waren. Rasch verrauschten unter Scherz und Ernst die Stunden des Festes; sie mußten dem Gefeierten die dauernde Gewißheit geben, daß in weiten Kreisen bei Alt und Jung die bleibende Erinnerung an seinem Wirken fortleben werde.

Vom 15. Mai an bis zum Schluß des Sommersemesters leitete Herr Prof. Römer die Anstalt. Für die Sorgsamkeit und Umsicht mit der er trotz verhältnismäßig starker Belastung durch eignen Unterricht und häufiger Hemmung qurch körperliche Leiden die Direktionsgeschäfte führte, darf ihm der Unterzeichnete jetzt im Namen der Anstalt danken.

Durch Magistratsbeschluß vom 28. Juni wurde der Berichterstatter zum Direktor des Goethe-Gymnasiums vom 1. Oktober 1904 an ernannt und als solcher durch Allerhöchste Kabinetsordre vom 27. Juli bestätigt. Der neue Direktor wurde am 11. Oktober von Herrn Geh. und Ober-Regierungsrat Dr. Paehler im Namen des Königlichen Provinzial-Schul-Kollegiums und von Herrn Stadtrat Grimm im Namen des Magistrats in sein Amt eingeführt. Herr Prof. Römer begrüßte ihn im Namen des Lehrerkollegiums. Der neue Direktor antwortete durch eine kurze Ansprache, in der er darlegte, in welchem Sinne er sein Amt führen werde.