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Goethische Gedichte wurden von Schülern vorgetragen, und der Chor sang Kompositionen Goethischer Lieder, darunter auch zwei seines Dirigenten, unseres Herrn Schmidt, die in glücklicher Weise die Stimmung des„Mailiedes“ und des Liedes„Gefunden“ wiedergaben.
Das Sedanfest, zu dem unsere Schule in gewohnter Weise in den Wald auszog, wurde leider durch Regen gestört, so daß die Wettspiele nicht zu Ende geführt werden konnten. Die noch ausstehenden Üübungen wurden später auf dem Schulhofe nachgeholt, und hier fand auch die Preisverteilung statt.
Bei der Schulfeier am 23. Dezember aus Anlaß der Jahrhundertwende(s. S. 20) hielt der Direktor die Ansprache, in der er einen Vergleich zog zwischen den Zuständen unseres Volkes zum Beginn und zum Schluß dieses Jahrhunderts und darauf hinwies, wie viel Ursache wir haben, dankbar und zugleich auch demütig zu sein und uns unserer Kraft nicht zu überheben.
Am Geburtstage Seiner Majestät des Kaisers, dem 27. Januar, hielt Herr Oberlehrer Dr. Wünnenberg die Festrede. Anknüpfend an die Fürsorge des Kaisers für die Fortschritte der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaften, gab er ein anregendes Bild des Lebens und der Bedeutung Galileo Galileis. Es wurden patriotische Lieder deklamiert und vom Chore vorgetragen.
Dem früheren Direktor unseres städtischen Gymnasiums, Herrn Geheimen Regierungsrat Professor Dr. Tycho Mommsen, wollte das Lehrerkollegium zu zwei Ehrentagen, am 12. April zur Feier seiner goldenen Hochzeit und am 23. Mai zu seinem achtzigsten Geburtstage, seine Glückwünsche durch eine Deputation dar- bringen. Leider hatten die Körperkräfte des Jubilars, die er seit seinem Eintritt in den Ruhestand noch fortwährend unermüdlich und erfolgreich in den Dienst der Wissenschaft gestellt hat, kurz vorher eine solche Schwächung erfahren, daß er keinen der vielen Freunde und Anhänger empfangen konnte, die ihn zu diesen Tagen ihrer dankbaren Verehrung versichern wollten. Doch durften wir den Ausdruck der Anhänglichkeit an unseren Senior der verehrten Frau Gemahlin aussprechen, die in geistiger und körperlicher Rüstigkeit ihm noch zur Seite steht.
4. Die Durchführung des Frankfurter Lehrplanes.
Die deutsche Satzlehre des Herrn Oberlehrers Dr. Prigge ist im Laufe des Schuljahres erschienen und somit ist das System der Parallelgrammatiken, über das in den Programmen dieser Anstalt seit 1894 mehr- fach eingehendere Mitteilungen gemacht worden sind, vollendet.
Im übrigen können wir nur über den günstigen und ruhigen Fortgang des Unterrichts in allen Klassen berichten. Die Übersicht der erledigten Lehraufgaben(S. S ff.) bringt den Nachweis, daß die Leistungen unserer Unterprima sich im Griechischen wie im Lateinischen nicht mehr von denen der entsprechenden Klasse eines Gym- nasiums nach dem allgemeinen Lehrplane unterscheiden. Es ist die Überzeugnng aller bisher am griechischen Unterrichte der neuen Klassen beteiligten Lehrer, daß das Hinaufrücken des Beginns mit dieser Sprache bis zur Untersekunda der erfolgreichen Beschäftigung mit ihr nicht hinderlich gewesen ist.
Da unsere Schulform an manchen Orten Nachahmung findet und wir die Erfahrung mit 9 lateinischen und 5 griechischen Anfangsklassen bereits gemacht haben, so möchten wir auf eins besonders aufmerksam machen: es ist von der größten Wichtigkeit, daß im Anfangsunterricht der alten Sprachen die Grundlagen möglichst fest und sicher gelegt werden. Und wenn einmal eine Klasse schwächer ist und weniger schnell fortzuschreiten scheint, so möge man sich nicht aus Furcht vor dem„Klassenpensum“ zu irgend welcher Übereilung verleiten lassen. Es ist allerdings ein schwerer, wenn auch nicht selten vorkommender pädagogischer Fehler, bei einer Sache länger zu verweilen, als für das Verständnis und die U'bung unbedingt nötig ist. Der jugendliche Geist verlangt Fortschritt, unnötiges Zaudern aber lähmt das Interesse und bringt eine allgemeine Depression hervor. Die Kunst des Lehrers und des Lehrbuches muß es sein, das früher Geübte auch bei neuem Fort- schreiten immer wieder geschickt zu verwenden und zu befestigen. Ein schlimmerer Fehler aber, als zu lang- sames Vorgehen, ist jede Überstürzung. Nicht eher darf weiter gegangen werden, als bis das Vorhergehende von der ganzen Klasse begriffen und bis zu einem gewissen Grade verarbeitet worden ist. Besonders ist im Anfangsunterricht der alten Sprachen fortwährendes Uben der Formen und zwar in möglichst wechselnden, neuen Gruppierungen ganz unerläßlich. Wenn hier auch nur auf verhältnismäßig beschränktem Gebiete Sicherheit er- reicht ist und die hauptsächlichen syntaktischen Gesetze nach Anleitung der Wulffschen, im Griechischen der Herwigschen Bücher am fremden und am deutschen Satze geübt sind, dann geht nachher die Lektüre leicht von statten. Und wenn auch vom sogenannten„Pensum“ noch das eine oder andere im ersten Jahre nicht sollte durchgenommen sein, so wird sich das im zweiten Jahre nachholen lassen, und jedenfalls ist eine solche Lücke bei weitem nicht so bedenklich, als eine allgemeine Unsicherheit in dem sein würde, was fest eingeprägt sein soll.
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