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In der Abschlußprüfung des Ostertermins 1899 erhielten von den 31 Schülern der Untersekunda 27 die Reife für die Obersekunda. Die schriftliche Reifeprüfung der Michaelis-Oberprima wurde in den Tagen vom 5. bis 10. August, die mündliche am 23. August unter dem Vorsitze des Direktors abgehalten. Als Vertreter des Kura- toriums gehörte Herr Stadtrat Grimm der Prüfungskommission an. Von den 21 Schülern, die sich gemeldet hatten, mußte einer wegen mangelnder Reife von der Prüfung zurückgewiesen werden; von den übrigen bestanden 18 die Prüfung.— Die schriftliche Reifeprüfung des Ostertermins fand in der Woche vom 12 bis 17. Februar, die mündliche unter dem Vorsitze des Direktors am 19. März statt; Herr Stadtrat Grimm wohnte ihr als Vertreter des Kuratoriums bei. Fünf Schülern konnte das Zeugnis der Reife erteilt werden.
3. Schulfeste.
In der ersten Woche des Schuljahres fand eine gegen Ende des Winterhalbjahres und in den Osterferien vorbereitete musikalisch-theatralische Aufführung der Schüler unserer Anstalt statt. Herr Oberlehrer Dr. Winne- berger hatte es unternommen, ein Orchester von 31 jungen Musikern zu bilden, das unter seiner energischen und sachkundigen Leitung die Ouverture zu„Iphigenie“ von Gluck-Mozart, das Vorspiel zum 5. Akt der Oper „König Manfred“ von C. Reinecke und die„Marche Célèbre“ aus der 1. Suite von Fr. Lachner zu höchst erfreu- licher Wiedergabe brachte. Der Erfolg war um so anerkennenswerter, als sämtliche Mitwirkende dem Goethe- Gymnasium angehörten und auch die mittleren und unteren Klassen beteiligt waren.
Der langjährige Freund und Gönner unserer Anstalt, Herr Karl Hermann, Lehrer am Hochschen Konservatorium und Mitglied der Vereinigten Stadttheater, hatte auch in diesem Jahre wieder die Freundlichkeit, die Inszenierung zweier klassischen Dramen zu übernehmen. Das erste war„das Opfer am Grabe“(die Choephoren) des Aschylus in der Übersetzung von Wilamowitz-Moellendorf. Wir wählten dieses Stück einmal, weil es die Fortsetzung des zwei Jahre zuvor aufgeführten Agamemnon bildet, und sodann, weil die tiefsinnige Tragödie qurch die wunderbare Kunst des nachempfindenden Dichter-Übersetzers erst jetzt zu rechtem Leben geweckt ist. Es war in gewissem Sinne eine Erstaufführung. Ein Schüler der Unterprima, Walther Braunfels, hatte die Musik zu einigen Chören komponiert. Alle Mitwirkenden suchten ihr bestes zu leisten; Die Hauptrollen, von den Schülern Max Rossbach(I2 b) und Paul Krengel(Ie a) gespielt, waren in guten Händen.
Auf die ernste Tragödie ließen wir das einzige uns erhaltene Satyrspiel, den Cyklopen des Euripides, im wesentlichen nach der iibersetzung von Wilbrand, folgen. Das Glück begünstigte dies Unternehmen, da ein Schüler der Oberprima, Benno Dähnel, der über zwei Meter Leibeslänge mißt, der Rolle des Cyklopen in jedem Sinne gewachsen war, während die Rollen des Odysseus in einem Unterprimaner und besonders die des Silen in einem Untersekundaner Vertreter fanden, die mit körperlichem Mindermaße ein reichliches Maß von sicherheit und Verständnis für den Humor ihrer Rolle verbanden. Die übrigen Personen wurden von Schülern der Quinta und Quarta gegeben. Der Kunst des Herrn Hermann verdanken wir es vor allem, daß in diesem Stücke ein Zusammenspiel zu stande kam, das uns den antiken Humor in drastischer Weise vor Augen führte und allen Zuschauern eine Stunde heitersten Genusses bereitete.
Auch an dieser Stelle sprechen wir den drei Herren, die sich um die Aufführung so sehr verdient gemacht haben, Herrn Karl Hermann, Herrn Oberlehrer Dr. Winneberger und Herrn Gymnasiallehrer Schmidt, der sich der Einstudierung der Chöre zum„Opfer am Grabe“ annahm, unseren herzlichsten Dank aus.
Das Maifest wurde am 9. Mai durch Ausflüge der einzelnen Klassen unter Leitung ihrer Klassen- lehrer begangen.
Bei der Feier von Goethes 150. Geburtstage beteiligte sich unser Gymnasium mit allen übrigen Schulen durch eine Deputation von Lehrern und Schülern an dem Festzuge, der am Vormittage des 27. August sich aus der Altstadt zum Goethe-Denkmal bewegte, und es wurde ihm als derjenigen Anstalt, die den Namen des Gefeierten trägt, die Ehre zu Teil, den Zug der Schulen zu eröffnen. Ebenso war es durch eine große Anzahl von Schülern in dem glänzenden Fackelzuge vertreten, mit dem die Bürgerschaft Frankfurts an dem Abend dieses Tages das Andenken ihres größten Sohnes verherrlichte. Unser Anstalts-Gebäude, in dessen Nähe der Fackelzug Aufstellung nahm, konnte durch die Munifizenz der städtischen Behörden in würdiger Weise sich der allgemeinen prächtigen Ausschmückung und IIlumination der Stadt anschließen. Am Vormittage des 28. August fand in der Aula eine Gedenkfeier für die Angehörigen unserer Schule statt, bei der Herr Oberlehrer Dr. Schwemer die Festrede hielt. In tiefgreifender Weise stellte er das Wesen des Dichters dar und besonders seine Bedeutung für die Geistesrichtung, die wir als Humanismus bezeichnen.


