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Mit dem Schlusse des Schuljahres wird Herr Theobald Endemann uns verlassen, um einem ehren- vollen Rufe an die Adlerflychtschule Folge zu leisten. Wir verlieren diesen liebenswürdigen Kollegen sehr ungern, der im vergangenen Jahre durch seine umsichtige Arbeit und durch sein verständnisvolles Eingehen auf Sinn und Geist unserer Jugend unserer Anstalt so wesentliche Dienste geleistet hat.
Zu Beginn des neuen Schuljahres werden Herr Oberlehrer Weiß von der Adlerflychtschule hier, Herr Dr. Merian-Genast vom Gymnasium in Jena und der bisherige wissenschaftliche Hülfslehrer an unserer
Anstalt, Herr Dr. Ziehen, als Oberlehrer am Goethe-Gymnasium angestellt. Dieselben berichten über ihren Lebensgang Folgendes:
Heinrich Weiß, am 16. November 1861 als Sohn des verstorbenen Kaufmanns Heinrich Weiß zu Frankfurt a. M. geboren, evang. Konfession, besuchte von Ostern 1872 bis Ostern 1881 das hiesige städtische Gymnasium und widmete sich hierauf dem Studium der Theologie und klassischen Philologie auf den Univer- sitäten Leipzig, Tübingen und Greifswald; in der letztgenannten Stadt legte er Februar 1887 vor der Königlichen Prüfungskommission die Oberlehrerprüfung ab. Die Ableistung des pädagogischen Probejahres, die er Ostern 1887 an dem Gymnasium seiner Vaterstadt begann, wurde Herbst desselben Jahres unterbrochen durch seinen Eintritt in die Armee, der er noch als Landwehroffizier angehört. Nachdem er in der Zeit von Herbst 1888 bis Ostern 1889 sein Probejahr am städtischen Gymnasium vollendet hatte, war er zwei Jahre lang als wissenschaftlicher
Hilfslehrer an der Anstalt thätig, bis er Ostern 1891 zur definitiven Anstellung an die Adlerflychtschule berufen wurde, der er seitdem angehört hat.
Hans Merian-Genast, evang. Konfession, wurde am 6. Januar 1866 als Sohn des Dr. jur. Emil Merian in Basel geboren. Vom Jahre 1875 an besuchte er das Wilhelm-Ernstische Gymnasium zu Weimar und verließ es Ostern 1884 mit dem Zeugnis der Reife. Auf den Universitäten Tübingen, München und Leipzig studierte er sodann klassische Philologie und Geschichte Im Jahre 1888 wurde er in Leipzig auf Grund seiner Dissertation„De Paulo Silentiario, Nonni sectatore“ zum Doctor promoviert, und 1889 erhielt er ebenda das Ober- lehrerzeugnis. Nach einem Studienaufenthalte von mehreren Monaten in Berlin, dann in Lausanne trat er im Herbst 1890 am Gymnasium zu Jena sein Probejahr an und wurde gleichzeitig Mitglied des zunächst probe- weise, dann fest begründeten Gymnasial-Seminars und des von Prof. Rein geleiteten pädagogischen Universitäts- Seminars. Im Januar 1891 wurde er Hilfslehrer, Ostern 1893 ordentlicher Lehrer am Jender Gymnasium. An den Ubungen des Gymnasial-Seminars war er als Fachlehrer regelmäßig beteiligt.
Ludwig Eduard Ziehen wurde geboren am 7. Januar 1871 zu Frankfurt a. M. als Sohn des Privat- gelehrten Dr. Eduard Ziehen. Er erhielt seine Schulbildung auf dem Städtischen Gymnasium seiner Vaterstadt und erwarb hier Herbst 1888 das Reifezeugnis. Darauf studierte er in Jena und Bonn Philologie und Geschichte; in Bonn erwarb er 1893 auf Grund seiner Dissertation„Leges Graecorum sacrae e titulis collectae“ die philosophische Doktorwürde und bestand 1894 die Oberlehrerprüfung. Nachdem er seiner Dienstpflicht als Einjährig-Freiwilliger in Berlin genügt hatte, leistete er 1895— 1896 das pädagogische Seminarjahr an dem Königlichen Friedrichs- Gymnasium zu Cassel, sein Probejahr 1896—1897 am Städtischen bezw. Goethe-Gymnasium zu Frankfurt a. M. ab. An letzterer Anstalt blieb er seitdem als wissenschaftlicher Hilfslehrer beschäftigt. Ausser seiner Disser- tation verfaßte er wissenschaftliche Ahhandlungen über die drakontische Gesetzgebung und die Eleusinischen Mysterien. Der preussischen Armee gehört er als Leutnant der Reserve an.
2. Besichtigungen und Prüfungen.
Am Dienstag dem 7. November wurde der Anstalt die Ehre des Besuches Seiner Exzellenz des Herrn Ministers Dr. Studt, sowie Seiner Exzellenz des Herrn Oberpräsidenten Staatsministers Grafen von Zedlitz zu teil; in der Begleitung derselben befanden sich die Herren Geheime Ober-Regierungsräte Gruhl und Dr. Schmidt, Herr Regierungspräsident Dr. Wentzel, Herr Geheime Regierungsrat D. Dr. Lahmeyer und von den städtischen Behörden der Herr Oberbürgermeister Dr. Adickes und Herr Stadtrat Grimm.
Schon einige Tage vorher, am 4. November, hatten Herr Geheime Ober-Regierungsrat Gruhl, Herr Geheime Regierungsrat Professor Dr. Diels aus Berlin und Herr Geheimrat D. Dr. Lahmeyer die Klassen nach dem Frankfurter Lehrplan einer eingehenden Besichtigung unterzogen.
Von anderen Schulmännern, die unsere Anstalt mit ihrem Besuche beehrten, nennen wir: Herrn Pro- vinzial-Schulrat Dr. Becher aus Berlin, der mit Herrn Direktor Dr. Lück aus Steglitz und Herrn Professor Gercken aus Perleberg am 7. und 9. Juni dem Unterrichte beiwohnte; ferner Herrn Direktor Prof. Dr. Lenssen aus Hagen, Herrn Direktor Dr. Baron aus Görlitz, Herrn Direktor Dr. Kasten aus Bremen, Herrn Direktor Schnürau aus Meiderich mit 2 Kollegen, Herrn Direktor Prof. Dr. Tendering aus Hamburg, Herrn Direktor Dr. Grosse aus Königsberg, Herrn Direktor Dr. Volz aus Breslau, Herrn Direktor Dr. Dickmann aus Köln, Herrn Schulrat Dr. Sander aus Bremen und Herrn Direktor Dr. Hintzmann aus Flberfeld.


