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ein Lehrer von einzigen Gaben, er übte über seine Schüler eine vollständige Herrschaft aus; er verstand es, die Energie des eigenen Wesens ihnen einzuflößen und die Begeisterung für die Welt des Altertums, die ihn selbst erfüllt, ihnen mitzuteilen. Seine hohe Auffassung des Lehrerberufes wirkte vorbildlich auf das ganze Kollegium, und besonders von den jüngeren Kollegen haben manche ihm viel zu verdanken. Am meisten bekennt der Unter- zeichnete ihm zum Danke verpflichtet zu sein für Offenheit und Wahrheit und nie wankende Freundschaft.
Mit lebhaftem Interesse hatte Herr Prof. Gillhausen das Entstehen und Emporwachsen der neuen Klassen verfolgt, und er freute sich der Zeit, da er selbst in diesen Klassen einst mitwirken könne. Es war ihm nicht vergönnt. Er leistete der Anstalt während dieser letzten Jahre einen besonderen Dienst dadurch, daß er den hauptsächlichen Unterricht in der Oberprima übernahm, während der Direktor durch die neuen Klassen vor- nehmlich in Anspruch genommen war.
Es war freilich bitter für einen Mann, der noch auf der Höhe des Lebens stand, von dem Berufe lassen zu müssen, an dem sein Herz hing. Aber die Wirkung des Menschen wird nicht nach der Zeit gemessen, sondern nach der geistigen Kraft, die von ihm ausgeht. Den Trost hat unser scheidender Freund mitgenommen, daß seine Lebensarbeit nicht vergebens war, sondern daß sie reiche Früchte trägt und tragen wird. Bei der Schlußfeier am 23. September sprach ihm der Direktor den schmerzlichen Dank der Anstalt aus für so viel Förderung und Anregung, für eiserne Pflichterfüllung auch in bitteren und schweren Stunden. Herr Stadtrat Grimm brachte den Dank und die Anerkennung der städtischen Behörden zum Ausdruck und konnte zugleich mitteilen, daß von des Kaisers und Königs Majestät ihm der Königliche Kronenorden III. Klasse verliehen worden sei. Das Königliche Provinzial-Schulkollegium sprach ihm in einem besonderen Schreiben gleichfalls seinen Dank und seine Anerkennung für treu geleistete Dienste aus.
Die Hoffnung, daß Herr Professor Gillhausen auch im Ruhestande nicht aufhören werde, unsere Arbeit mit innerer Teilnahme zu verfolgen und uns in Freundschaft zur Seite zu stehen, hat sich bereits in diesem Winterhalbjahr erfüllt,
Die Vertretung wurde für das Sommerhalbjahr so geordnet, daß der Direktor zu dem deutschen Unter- richt in der Gesamtprima auch den in den alten Sprachen nahm, zusammen 16 Stunden. Er mußte daher leider für ein Jahr aus dem Unterricht der neuen Klassen ausscheiden. Das Lateinische in der Unterprima b übernahm Herr Professor Dr. Wulff, der seinerseits durch Herrn Oberlehrer Dr. Bölte und Herrn Dr. Hahn erleichtert wurde. Als dann der letztere im Herbste sein Probejahr beendet hatte und eine volle Hilfslehrerstelle ausfüllen konnte, wurden auch die erstgenannten wieder auf das normale Arbeitsmaß gesetzt.
Ostern 1899 trat Herr Dr. Hans Drüner zur Ableistung des pädagogischen Probejahres in unsere Anstalt ein; auch er erhielt im Winterhalbjahr eine Anzahl von Unterrichtsstunden in dauernder Vertretung. Er wird von Ostern 1900 ab eine volle Hilfslehrerstelle bekleiden.
Während des größeren Teiles des Schuljahres war der Gesundheitszustand bei Lehrern und Schülern im allgemeinen recht erfreulich. Seit dem Beginne des neuen Jahres aber hat die in der Stadt herrschende Influenza leider auch bei uns um sich gegriffen und mancherlei Störungen des Unterrichts herbeigeführt. Ferner mußte Herr Professor Dr. Roemer im Januar, um einer drohenden Unterleibsentzündung vorzubeugen, mehrere Wochen dem Unterricht fern bleiben; wir sind sehr dankbar, daß die Gefahr glücklich vorübergegangen ist. Leider ist seit Anfang Februar Herr Professor Dr. Wulff von einer ähnlichen Krankheit befallen; wir hoffen, daß er uns bald völlig wiederhergestellt zurückgegeben wird, doch wird er vor Beginn des neuen Schuljahres schwerlich wieder eintreten. Die Vertretung des Herrn Prof. Roemer konnte Herr Dr. Drüner übernehmen. Zur Versehung des größeren Teiles der Unterrichtsstunden des Herrn Prof. Wulff wurde Herr Dr. Julius Müller, bis dahin cand. prob. am Königl. Realgymnasium in Wiesbaden, vom Königl. Provinzial-Schul-Kollegium unserer Anstalt überwiesen, während Herr Oberlehrer Dr. Bölte den deutschen Unterricht in der Unterprima a wieder übernahm.
Auch aus anderen Anlässen waren mehrfache Vertretungen nötig. Von der zweiten Woche des Sommer- halbjahres mußte Herr Oberlehrer Dr. Winneberger wegen Scharlach-Erkrankungen in seiner Familie die Schule für längere Zeit meiden; seine Vertretung übernahm Herr cand. prob. Dr. Hahn. Im Sommerhalbjahr wurde Herr Oberlehrer Dr. Liermann, im Winterhalbjahr und zwar vom 1. März ab Herr Dr. Ziehen zu längeren militärischen Dienstleistungen einberufen.
Für die Monate Mai und Juni erhielt Herr Oberlehrer Zint einen Urlaub zu einer wissenschaftlichen Reise nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Er wurde im wesentlichen durch Herrn Rossbach, wissenschaftlichen Hilfslehrer am Lessing-Gymnasium, in einer Anzahl von Stunden von den Oberlehrern Herren Dr. Bopp, Dr. Wünnenberg und Dr. Weismantel vertreten.


