Jahrgang 
1898
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Das Sedanfest wurde am 2. September in gewohnter Weise durch einen Auszug zum Forthause, durch Festredg und Gesang, durch Wettturnen und Spiel begangen.

Am 25. Oktober fand die Progressionsfeier und die Entlassung der Abiturienten statt. Der Abiturient Alexander Becker hielt die deutsche Rede überFreiherrn von Steins Persönlichkeit und Wirken; der Abiturient Theodor Wülker die lateinische Abschiedsrede überArminius.

Eine ganz besondere Freude wurde unserer Schule kurz vor dem Weihnachtsfeste, am 17. Dezember, zu teil. Wilhelm Jordan, der greise Dichter, der vor kurzem in sein achtzigstes Lebensjahr eingetreten ist, trug an dem Abend dieses Tages in der Aula unsern Schülern eine der herrlichsten Stellen seines Nibelungenliedes, den 22. Gesang, in bekannter Meisterschaft vor. Wie die Zuhörer durch den Inhalt der gewaltigen Katastrophe ergriffen wurden, so nicht minder durch die ehrwürdige Erscheinung des Dichters, der in ungeschwächter Kraft der Empfindung und des Gedächtnisses seines Amtes waltete. Einige jüngere Schüler brachten ihm am Schlusse den Dank der Anstalt in einem Gedichte dar und überreichten einen Lorbeerkranz. Dem verehrten Manne sprechen wir auch an dieser Stelle den herzlichsten Dank dafür aus, daß er auf unsere Bitte sich dazu verstanden hat, unsern Schülern so hohen Genuß zu bereiten. Noch in späten Tagen wird es für unsere Schüler eine erhebende Erinnerung sein, den Mann gesehen und gehört zu haben, der schon vor 50 Jahren die Herrlichkeit des neuen deutschen Reiches prophetisch vorausschauend im Liede gepriesen, und der die deutsche Sage zu neuem Leben geweckt hat. Ihre Königliche Hoheit die Landgräfin von Hessen, Prinzessin Anna von Preußen, und Ihre Hoheit Prinzessin Sibylle von Hessen wohnten dem Vortrage bei.

Am 27. Januar wurde der Geburtstag Seiner Majestät des Kaisers durch Gesang, Festrede und Deklamationen gefeiert. Herr Oberlehrer Dr. Weismantel hielt die Festrede über die Nordlandsreisen des Kaisers.

Am 29. Januar hatte Herr Professor Dr. Laubenheimer aus Höchst dié große Freundlichkeit, den Schülern der oberen Klassen einen Vortrag über flüssige Luft in der Aula zu halten. Er verstand es, die erstaunlichen Erfindungen und Vorgänge in einer für alle Beteiligten verständlichen Weise zu voller Klarheit zu bringen, und er begleitete seine Darlegung durch wohlgelungene Vorführung der Thatsachen.

4. Die Durchführung des Frankfurter Lehrplans.

Das ablaufende Schuljahr war für die Durchführung des Frankfurter Lehrplans ein besonders wichtiges. Mit dem Eintritt des obersten Jahrganges in die Untersekunda begann der Unterricht des Griechischen. Es galt, die Schüler im ersten Jahreskursus in der Formenlehre und im Verständnis des griechischen Satzes so weit zu führen, daß sie von Obersekunda ab für die Lektüre eines Originalschriftstellers befähigt sind. Dies Ziel ist in vollem Maße erreicht; die Erwartungen, die der Berichterstatter hegte, sind sogar weit übertroffen worden. Insbesondere hat sich die Befürchtung als durchaus unzutreffend erwiesen, daß bei vierzehn- bis fünfzehnjährigen Knaben das Gedächtnis nicht mehr hinreichend bildsam und aufnahmefähig sei für die Erlernung einer neuen Sprache. Es hat sich im Gegenteil gezeigt, daß das Gedächtnis in diesem Alter ganz andere Aufgaben zu leisten im stande ist, als bei zwölf- bis dreizehnjährigen Tertianern. Das allgemeine sprachliche Verständnis, das der Sekundaner bereits besitzt, erleichtert außerordentlich das Eindringen in die neue Sprache; die An- knüpfung an so zahlreiche Fremdworte ist eine nicht zu unterschätzende Hilfe beim Erlernen der Vokabeln; die griechische Formenlehre läßt sich mehr als die irgend einer anderen Sprache so folgerichtig und gesetzmäßig ent- wickeln, daß es hier ebenso viel für den Verstand zu begreifen, als für das Gedächtnis zu behalten giebt. Man könnte daher aus allgemeinen pädagogischen Gründen kaum einen geeigneteren Zeitpunkt für das Erlernen dieser Sprache finden, als ein Lebensalter, in dem der Verstand gereift genug ist, jene Vorzüge von Anfang an zu erfassen und sich an ihnen zu bilden.

Nicht wenig baben zur glücklichen Bewältigung der Aufgabe die Lehrbücher beigetragen, die wir benutzen. Das Lesebuch mit Vokabular von Ilerwig ist vortrefflich systematisch gearbeitet. Der Fortschritt vom Leichteren zum Schwereren vollzieht sich in mustergültiger Weise. Die immanente Repetition wird durch den Fortgang der Lesestücke selbst gegeben; nichts bleibt liegen oder wird später vernachlässigt, was einmal begonnen ist. Das Vokabular ist nach denselben Grundsätzen wie das Wulffsche zu dem lateinischen Lesebuch für Unter- tertia angelegt; die etymologischen Verweisungen und syntaktischen Zusammenstellungen dienen in hohem Maße dazu, den Unterricht zu beleben und zu vertiefen. Auch inhaltlich bietet das Lesebuch, abgesehen selbstverständlich