Jahrgang 
1888
Einzelbild herunterladen

Die schmerzlichste Pflicht aber bleibt uns, von den zahlreichen Todesfällen zu berichten, die unsere Anstalt betroffen haben, nachdem sie Jahre lang von solchem Unglück fast völlig verschont war. Am 30. April starb der Oberprimaner Paul Ehlers, der einzige Sohn und die Hoffnung seiner Eltern, seinen Lehrern ein lieber Schüler. Nach früherem längeren Leiden hatte er sich in den letzten Jahren zu unser aller Freude kräftiger entwickelt und schritt rüstig mit seinen Mitschülern dem letzten Ziel der Schule zu, als ihn eine unvermutete Krankheit aus unserer Mitte nahm. Am 17. Mai starb der Schüler der Oster-Obertertia Alexander von Harnier. Der plötzliche Tod dieses in Gesundheit blühenden, mit reichen Gaben des Geistes ausgestatteten freundlichen Knaben traf die Lehrer und Mitschüler, wie die Eltern, die an diesem ihrem Lieb-

ling mit besonderer Zärtlichkeit hingen, erschütternd. Am 29. Mai, während der Pfingstferien, starb der Oster-Quintaner August Schaltenberg, das einzige Kind seiner Eltern, ein fleißiger und tüchtiger Schüler und ein guter Kamerad seiner Klassengenossen. In den

Herbstferien am 30. September wurde Sally Löwenthal, gleichfalls der einzige Sohn, seinen Eltern entrissen. Er war erst seit einem Jahr in unserer Anstalt und hatte durch seinen ruhigen und ernsthaften Fleiß und eine erfreuliche Begabung eben zu seiner Lehrer und Eltern Freude die Versetzung nach Quarta erreicht. An demselben Tage, an dem er von der Progression fröhlich heimkehrte, mußte er sich auf das Krankenlager legen, von dem er nicht wieder auf- stehen sollte. Bald darauf, am 23. Oktober, starb der Schüler der Michaelis-Untertertia Willy Löwenick, eine elternlose Waise, von vielen treuen Verwandten herzlich beweint. Am 24. November starb Erwin Gier, Schüler der Michaelis-Quarta, und am 18. Dezember Karl Schlupper, Schüler der Oster-Quarta. Von allen den Genannten können wir sagen, daß sie durch ihr Betragen niemals ihren Lehrern eine Schwierigkeit bereitet haben, und dabß sie, wenn auch mit verschiedener Begabung, so doch mit gleichem Eifer bestrebt waren, durch ihre Fortschritte Eltern und Lehrer zu erfreuen. Es ist eine lange und schmerzliche Liste, und sie birgt viel Leid und Weh der Eltern, das wir mitempfunden und gerne mitgetragen haben. Den beiden Erstgenannten und Willy Löwenick gab ein Teil der Mitschüler und der Sängerchor das Geleit zum Grabe, bei den übrigen mußte eine Beteiligung unterbleiben, da sie an ansteckenden Krankheiten, Diphtheritis und Scharlach, gestorben waren.

Noch durch einen weiteren Todesfall wurde unser Gymnasium nahe berührt. Am 31. Oktober starb der in weiten Kreisen unserer Stadt verehrte Herr Dr. Jakob Auerbach, früher Lehrer am Philanthropin. Bevor er in den Ruhestand trat, hat er 30 Jahre lang als Lehrer des Hebräischen unserer Schule angehört und sich durch seine geläuterte Persönlichkeit und von Herzen kommende Teilnahme alle Mitglieder des Lehrerkollegiums zu Freunden gewonnen. Seine Schüler verstand er auch über den Kreis des Faches, in dem er unterrichtete, hinaus zu wissen- schaftlicher Auffassung und Arbeit anzuregen. So wie er selbst sich dem Gymnasium stets nahe verbunden fühlte, so soll auch sein Andenken unter uns unvergessen bleiben.

4. Eröffnung des Staatsgymnasiums.

Nachdem Jahrhunderte lang unser Gymnasium die einzige Anstalt ihrer Art in dieser Stadt gewesen ist, wird mit dem nächsten Schuljahr das neue Staatsgymnasium ins Leben treten. Wir begrüßen und bewillkommnen diese Schwesteranstalt aufs herzlichste, auf deren Errichtung

wir sehnlichst gewartet haben. Die wachsende Überfüllung unserer Klassen führte zu Mifständen, Gymnasium 188s. 5 4