B
selbstgefälliger Kraft über den Kirchenraum, bald brechen sie in halber Höhe ab,— und man sieht in den Himmel, in dem die Heiligen und himmlischen Heerscharen in prächtigen, faltenreichen Gewän- dern einherschweben. An den Säulenkapiteln aber und an dem goldenen Zierrat klettern Putten hinauf, eeken ihre Arme aus nach dem Fimmel, aus dem sie herausgefallen sind, mitten hinein in die irche.
4 Nun spielt die Orgel Bach. Eine Fuge dröhnt voller Kraft durch den Raum, sie geht auf in der Kraft der Pfeiler und Bogen, sie gibt dem Raum das, was man in ihm vermißt: Wärme und tiefe, starke Frömmigkeit.— Die Fuge verstummt, der Zauber ist vorbei. Eine Bauernfrau spricht halblaut ein Gebet. Die Stimme hallt zwischen den Pfeilern und dem Zierrat empor und wird kalt von der Kuppel zurückgestoßen, auf die der Himmel gemalt ist, mit den Heiligen und den Engeiln, die sanft lächeln. Die Sonne wirft versöhnend ein paar Lichtflecken durch die Fenster.
Am andern Morgen sind wir in Bamberg und treten in die alte Stadt hinein, durch den Tor- weg, der unter dem alten, gemütlichen Rathausturm hindurchgeht. Die Fenster, mit Schnörkeln über- dacht, sind wie der Balkon, der als eine Muschel aus dem Turm hervorspringt, mit Blumen ge- schmückt. Die Sonne scheint leuchtend in die alte Stadt hinein; mit ihrem Lichtmantel umgibt sie die wackligen Hfäuser und läßt schiefe Schatten auf die holprige Straße fallen. Wir steigen die steile Straße zur alten Residenz hinauf, die sich als ein buntes Gegenstück dicht an den mächtigen, ernsten Dom anschmiegt. Auf dem Hof sprießt das Gras aus dem Pflaster, die Dächer und olz- galerien sind rundum schwarz und braun vor Alter, der Sandstein ist zerfressen, von den fachwerk- durchsetzten Wänden ist der gelbe Mörtel oft abgesprungen. Die Sonne leuchtet hinein und legt sich über den ganzen Plat⸗.
Wir treten in den Dom. Der mächtige Raum liegt in ein Halbdunkel gehüllt vor uns. Ernste Gotik, voll tiefer Frömmigkeit. Einfache glatte Pfeiler, voller Wucht und Kraft die bis in die Unend- lichkeit hinaufragen wollen. Die Luft ist von der Messe her noch weihrauchgeschwängert. Man flüstert unwillkürlich.
An den Pfeilern und Wänden stehen Grabdenkmäler, Bischöfe und Ritter, mit hageren Ge- stalten, schmalen, knochigen Händen und eckigen Gesichtern. Da steht der berühmte Reiter, das Urbild eines mittelalterlichen Menschen, dessen Gesicht ebenmäßig und männlich zugleich ist. So mag man sich den Parsival vorgestellt haben, das mag der mittelalterliche Siegfried sein. Dort steht auch die Elisabeth, mit dem schmalen, alten Mund, mit den Augen, die durch alles hindurchblicken, deren Blick in die unendliche Ferne gerichtet ist.
Andern Tags streiften wir noch einmal durch das Städtchen, sahen staunend die prächtigen Barokhäuser, nahnmen uns noch ein Bild mit von dem heimlichen Städtchen, um dann endlich zum dritten Teil unserer Fahrt zu kommen, nach Würzburg.
Wir steigen zum Käppele hinauf, als schon der Spätnachmittag hereingebrochen war. Wie-“ der ein verwirrender Eindruck. Strotzende Kraft, barocker Schwung, prachtvolle Deckengemälde, un- zählige Schnörkel. Unheimlich wurde es geradezu, als es schummerig wurde. Die Schnörkel, die Säulen schienen zu wachsen, Licht, Form und Farbe vermischten sich langsam immer mehr, schmolzen end- lich in eine tiefe Dunkelheit zusammen, aus der nur das ewige Lämpchen rot hervorleuchtete.
Nachdem wir den Vormittag des letzten Tages zum Besuche der übrigen Kirchen Würzburgs benutzt hatten, besonders des Doms, in dem wir einen Altar von fast übermäßig pompösem Schwung sahen, wandten wir uns der Residen⸗ nachmittags zu. Weit hat sich das Mittelstück zurückgezogen, weit streckt der Bau seine beiden Seitenflügel aus, als ob das Mittelstück allein zu sein wünscht, in einem möõglichst großen Abstand von allem Bürgerlichen. Wir überschritten den weiten Platz und kamen in das Treppenhaus. Eine recht breite und lange Treppe, die man recht bequem, mit Anstand und Würde hinauf- oder hinabwandeln kann. Auf dem Geländer turnen Putten herum, Glasampeln in den Händen, recht humorvoll und lebenswahr dargestellt. Das ganze Treppenhaus ist von einem präch- tigen, in leuchtenden Farben gehaltenen Deckengemälde überspannt. Die Pracht der Säle und Zimmer, in die wir geführt wurden, läßt sich garnicht in Worten ausdrücken. Man begreift aber, wie grenzenlos absolutistisch diese Zeit gewesen sein muß.
Das war dann der Abschluß unserer Fahrt. Den Rest der Zeit verbrachten wir in dem herrlichen Park, der die schönsten Ausblicke auf das Schloß bot. Bald aber saßen wir dann wie— der in einem Eisenbahnwagen, der uns nach so ausgiebigem Kunstgenuß zu den„Fleischtöpfen Aegyptens“ zurückführen sollte.
In der Elternversammlung vom 27. 6. wurde nach längerer Aussprache beschlossen, im nächsten Jahr folgenden Versuch zu machen: Ein Teil der vorgeschriebenen Wander- tage soll zusammengefaßt werden zu einer Wanderwoche im Sommer. In dieser Zeit sol-— len die unteren Klassen mit ihren. Klassenlehrern auf je eins von den in der Nähe Frank- furts gelegenen Jugendheimen gehen; die anderen Klassen ziehen unter Führung der Klas- senleiter auf Fahrt. Diese Fahrten sollen so angelegt werden, daß irgend eine Bildungsauf- gabe dabei verfolgt wird. Zur Aufbringung der Kosten ist eine Kasse gebildet, der alle Erträgnisse aus Schulveranstaltungen zufließen. Hieraus sollen die Schüler, denen die Aufbringung der Kosten schwer fällt, unterstützt werden. Außerdem hat jede Klasse ihre Kasse, in die monatlich Beiträge eingezahlt werden. Wir Lehrer versprechen uns von die- ser Wanderwoche eine verstärkte Auswirkung der erziehlichen Absichten, die mit den Wan-
17


