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und er hat das Wort geprägt, das jeder junge Mann ins Leben mit hinaus nehmen möge als eine eiſerne Pflicht, die viel Reue erſpart: Sperne voluptates, nocet empta dolore voluptas,„Kehre den ſinnlichen Freuden den Rücken, ſchädlich iſt die um Schmerz erkaufte Luſt“. Man braucht kein Duckmäuſer und Stubenhocker und Philiſter zu ſein— und ich hoffe, daß niemand von Ihnen es wird— aber man braucht auch nicht Ausſchweifungen ſich in die Arme zu werfen, die nur den Rachgeſchmack des Ekels hervorrufen. Sie wiſſen, wie fein in Goethes„Taſſo“ die nach Beſitz gierende Sinnenluſt von der reinen edlen Liebesleidenſchaft geſchieden wird. Es wird nicht anders ſein, als daß auch an Sie die Verſuchung in betörender Geſtalt herantritt, beſtehen Sie im Kampfe, ſchreiben Sie nicht auf Ihre Fahne das gefährliche Wort des Sichauslebens und des Rechtes auf alles, was an eitlen Freuden das Leben bietet, ſondern halten ſie ſich an die Pflicht gegen Gott, Ihre Eltern, gegen ſich ſelbſt!
Sperne voluptates! Nocet empta dolore voluptas!
Der Stoizismus, den wir auch bei dem aus allen Blüten Honig der Lebensweisheit ſaugenden Horaz antrafen, hat etwas Erhabenes in ſeiner ſtrengen logiſchen Folgerichtigkeit; ihm iſt die Tugend das einzige Gut, daneben verdient alles andere wie Geſundheit, Reichtum, Ehre nicht einmal den Namen eines Gutes. Dieſe Freiheit von jeder Leidenſchaft, von jeder Furcht vor Übeln, dieſe Apatheia hat etwas Üüberirdiſches, Unmenſchliches. Es wollte uns nicht recht in den Sinn eingehen, daß die Philoſophie, deren Anfang doch nach Plato das Staunen, der Epos, die Begeiſterung iſt, in der Geſchichte des Altertums auf dem hohen Gipfel ſtoiſcher Weisheit mit dem Nil admirari endet:„Rege dich über nichts mehr auf!“ Uns war es, als ſollte ſomit greiſenhaftes Phlegma, allgemeine Wurſchtigkeit— wie Bismarck ſagte— der Lebensklugheit Ziel und Mrone ſein. Solche müde Weisheit iſt nichts für Jünglinge, die wie junge Roſſe in die Rennbahn des Lebens ſtürmen.„Nach Erſchütterung lechzt das Menſchenherz“: das Wort behagt ihr beſſer. Und wir waren froh, zu erkennen, daß eben alles, ſomit auch die Autarkie der Vernunft und der Tugend, auf die Spitze getrieben werden kann, und wir laſen gerne das Wort: Tardis mentibus virtus non facile comitatur, d. h.„Mit Stumpfſinn hat die Tugend nichts zu ſchaffen“. Das Sichregen, das vigere, die geiſtige Beweglichkeit rückt Cicero in den Vordergrund. Quod spiro, daß ich ſchaffe, nicht bloß daß ich atme, ſondern daß ich tätig bin und wirke: daß„der Genius in mir jauchzt“— um ein Wort Mörikes zur Erläuterung des Horaz heranzuziehen— das beſtimmt den Wert, das macht auch erſt wahrhaft glücklich— und mag bei vielen Genien dies ſchöpferiſche Geſtalten auch ein Verbluten ſein.
Wie herzbewegend iſt die Klage des Taſſo:
Wenn ich nicht ſinnen oder dichten ſoll, So iſt das Leben mir kein Leben mehr. Verbiete du dem Seidenwurm, zu ſpinnen, Wenn er ſich ſchon dem Tode näher ſpinnt: Das köſtliche Geweb entwickelt er
Aus ſeinem Innerſten und läßt nicht ab, Bis er in ſeinem Sarg ſich eingeſchloſſen. — geb' ein guter Gott uns auch dereinſt Das Schickſal des beneidenswerten Wurms, Im neuen Sonnental die Flügel raſch Und freudig zu entfalten!


