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Wir ſahen Taſſo ſcheitern infolge ſeines gar zu beweglichen, unſeligen Herzens, das der Selbſtzucht, der charaktervollen Mäßigung ermangelt, das am liebſten erfüllt ſähe den Traum jener welt, in der„erlaubt iſt, was gefällt“; er möchte volles Recht auf das Sichausleben haben; damit verſtößt er gegen alle Sitte und Sittlichkeit, die jene Oflicht verkündet:„Erlaubt iſt, was ſich ziemt.“
Meine lieben jungen Freunde! Das Kind iſt, wie Ariſtoteles ſagt, der Vater des Mannes. Das Sprichwort wendet den Gedanken einfacher:„Juns gewohnt, alt getan!“— Ich darf hoffen, daß Sie in Schule und Haus ſich gewöhnt haben, mit freiem, freudigem Entſchluß ſich in den Dienſt mannigfacher Pflichten zu ſtellen. So gewinnen Sie auch für die Zukunft ein Anrecht, daß ein tüchtiges Streben zu immer neuen Siegen führe. In einer der letzten deutſchen Stunden las ich Ihnen ein Gedicht von C. F. Meyer. Er bewegt ſich gerne in Viſionen; ſo ſchaut er am Grabe eines Unaben in der Maiennacht beim milden Schweigen der Sterne, wie aus der Erde das un⸗ gelebte Leben in Wunſchgeſtalten, eine blaſſe Jagd, heraufſteigt und dahinſchwebt:
... Voran ein Secher, In der Fauſt den überfüllten Becher! Weh'nde Locken will der Buhle faſſen, Die entflatternd nicht ſich haſchen laſſen. Luſtgeſtachelt raſt er hinter jenen, Sin verhülltes Mädchen folgt in Tränen. Durch die Brandung mit verſtürmten Haaren Seh ich einen kühnen Schiffer fahren. Sinen jungen Arieger ſeh' ich toben, Helmbedeckt, das lichte Schwert erhoben. Einer ſtürzt ſich auf die Rednerbühne, Weites Volksgetoſ' beherrſcht der Kühne. Ein Gedräng, ein Kämpfen, Ringen, Streben! Arme ſtrecken ſich, und Mränze ſchweben.—
Gottlob, Sie ſtehen in voller Jugendkraft vor mir, Sie ſind in treuer hut bis hierher gediehen— aber was der Dichter uns hier vorführt, wäre nicht poetiſch, wenn es nicht typiſch wäre. Wie viele Jünglinge jagen oft der Luſt der Sinne nach— manchesmal möchte die Mutter, die Schweſter, die Freundin der Kindheit ihr Haupt verhüllen und weinen, wenn ſie es wüßte— hüten Sie ſich! Die einen von Ihnen wollen junge Urieger werden, die anderen von der Rednerbühne des Anwalts oder des Richters oder des Lehrers wirken, und was ſie ſonſt ergreifen wollen, über Ihnen ſchweben Kränze, die Ihr Streben lohnen ſollen. Greifen Sie aber nicht nach den eitlen, nichtigen, vergänglichen, ſondern ſuchen Sie jene höchſte Befriedigung, die in dem Bewußtſein ruht, nach Kräften gerungen und das Mögliche erreicht zu haben. Oft werden auch Sie ſich beſcheiden und ſagen müſſen: In magnis voluisse sat est! Der Wille adelt das Streben, auch wenn das höchſte Ziel nicht erreicht wird. Doch eins wünſche ich:
Gottes Segen ſei mit Ihnen auf allen Ihren Wegen!
Leben Sie wohl!


