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Nein— ſo berechtigt und ſchön es iſt— und wir haben es auch im deutſchen Aufſatz geübt,— Erlebtes zu geſtalten, Perſönliches wiederzugeben, ſo wichtig, ja viel wichtiger iſt es doch, in ſtrenger, logiſcher Folge Gedanken zu entwickeln und in klarem, ſcharfem Ausdruck wiederzugeben. Und ſo ſehr es Ziel jeder echten Pädagogik iſt, zu Selbſtbeſtimmung, zu freiwilligem Gehorſam zu er⸗ ziehen, ſo hat es doch auch ſeine Bedenken— wie mir einer von Ihnen ſelbſt freimütig bekannt hat— wenn Schüler ſchon vor der rechten Zeit, ehe ſie wirklich gehorchen gelernt haben, ſchon befehlen und andere leiten und beaufſichtigen ſollen— das wird immer nur Sache weniger Aus⸗ erwählter ſein..
Und ein gar verhängnisvoller Irrtum iſt es für Eltern und Lehrer, in einen gar zu trügeriſchen Optimismus von der unbedingten Güte der menſchlichen Natur, von dem guten Geiſt einer Kinderſchar, einer Schule ſich zu wiegen, zumal in einer öffentlichen Großſtadtſchule, wo der Lehrer doch im Grunde nur ſo wenig weiß von den einzelnen und zumeiſt nur ſelten einen tieferen Sinblick in das Seelenleben ſeiner Schüler gewinnt.— Charakterbildung iſt nicht im handum⸗ drehen, mit ein paar Phraſen zu ſchaffen; ſie iſt ein langſamer Prozeß, der unabläſſige Arbeit an uns ſelbſt erfordert und erſt mit unſerm Leben ſelbſt ein— oft vorzeitiges— Ende findet.
Denen, die immer die Rechte auch für die Jugend verdoppeln und die Pflichten in den hintergrund ſchieben wollen, möchte ich zurufen: Ein jeder Menſch, zumal der ſich erſt bildende, unfertige, hat ein Recht auf Pflichten. Er fühlt ſich nicht wohl, er weiß nichts mit ſich anzu— fangen, wenn von dieſen ihm nicht ein vollgerüttelt Maß zugewieſen wird, und er empfindet es als recht und billig, wenn Pflichtverletzung geahndet wird. So lange es Jugend gibt, wird immer ein Teil von ihr getrieben und der andere gezügelt werden müſſen. Der Erzieher muß dem Gärtner gleichen, der das zu üppig Wuchernde beſchneidet; er muß Übermut und Frevelmut— und die dürften in der Jugend wohl kaum je ausſterben— dämpfen und niederwerfen. Freilich ſoll er ſtets der väterliche Freund ſein, nicht der Strafrichter oder Kriminalpoliziſt. Es gibt auch für die Schule eine rechte Mitte zwiſchen dem abſolutiſtiſchen Regiment und einem demokratiſchen Freiſtaat. Manche Forderung läßt ſich der Rauheit entkleiden, manches Verbot ſich in Anregung zur Uraftprobe umwandeln und dem Freiheits- und Tätigkeitsdrang unterordnen. Doch es gehört ſchon eine gewiſſe Reife des Schülers dazu, einem Herrn freudig zu gehorchen, der überzeugt, wenn er gebietet,(wie es im„Taſſo“ heißt). Wer Vertrauen zu vertrauenswerter, erprobter und ertüchtigter Jugend zeigt, wird auch den Mut wecken und mit dem Mute jene raft ſtählen, die nicht bloß äußerem Swange zu folgen, ſondern vor allem ſich ſelbſt zum Guten und Rechten zu zwingen vermag.
Von ſolchen Geſichtspunkten aus, meine lieben jungen Freunde, ſuchte ich auch Sie zu leiten, und ich ſpiegle mit dieſen Betrachtungen nur das, was nun hinter Ihnen liegt, um Ihren Blick für das zu ſchärfen, was nun ſo verheißungsvoll in der Zukunft Land ſich vor Ihnen breitet: Das Leben!
Die Schule in der Verkettung von Rechten und Pflichten, von Freiheit und Geſetz⸗ mäßigkeit, von Zwang und Selbſtbeſtimmung iſt eine Vorbereitung für das ſo buntgeſtaltige Leben in der weiten, verwirrend vieltönigen Welt. Wie das Wind ein Recht hat, von ſeinen Eltern Schutz und Hut und Fürſorge zu fordern, und der Unabe und Jüngling von der Schule, daß ſie ihm geiſtiges Brot reiche, das ſeine Seele nährt, und daß ſie ihm Sonnenſchein des Glaubens und des Vertrauens und der Liebe ins Herz ſenke, ſo muß auch Sie eine glückliche Zuverſicht beſeelen, die Ihnen zuruft: Wir haben ein Recht zu leben, ein Recht auf alles Gute und Schöne, was das Leben verheißt. Und wahrlich das Leben iſt ſo reich und ſo ſchön, wenn wir es nur richtig zu nehmen, d. h. aber wenn wir auch uns richtig zu nehmen wiſſen.


