Jahrgang 
1914
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12 Meine lieben jungen Freundel!

Sie ſind die erſten Abiturienten, die ich von dieſer Stelle aus zu entlaſſen habe. Um ſo freudiger bin ich mit Ihnen bewegt, als es einen guten Anfang bedeutet, da Sie alle, die Sie in die Prüfung eintraten, auch ſiegreich aus ihr hervorgegangen ſind. Jetzt, in der Abſchiedsſtunde kann ich es Ihnen wohl verraten, daß wir Lehrer alle Sie beſonders gerne unterrichtet haben, daß es uns eine Freude war, ſo viel friſchen, aufgeſchloſſenen Sinn, ſo viel eindringendes Verſtändnis zu finden, wie es bei der Mehrzahl von Ihnen der Fall war. Es iſt ja nur zu oft ſo, daß die kleinen Schüler das Blaue vom hHimmel herunterfragen und mit keiner Antwort ſich zufrieden geben, daß dann hernach das Fragen mehr und mehr aufhört und an ſeine Stelle ein mehr oder weniger dumpfes und ſtumpfes Aufnehmen tritt, eine Scheu und Zurückhaltung, die nicht ſelten auf Gedanken- und Intereſſeloſigkeit zurückzuführen iſt. Sie aber zur Selbſttätigkeit, zur Stellung⸗ nahme zu Fragen der Wiſſenſchaft, zu Problemen der Lebensauffaſſung zu führen, war ein dank⸗ bares Unternehmen. Wirklich fruchtbar iſt ja auch in den oberſten Klaſſen nur die Stunde, in der Lehrende und Lernende in Geben und Nehmen mit Freuden tätig ſind.

Leben heißt Kraftfühlen, Kraftentwickeln, Kraftüben. Jede Tätigkeit iſt ein Kräfteſpiel, das Freude weckt; Unkraft, Ohnmacht erzeugt Unluſt. Luſt und Liebe leihen Stärke, laſſen die Flügel wachſen, ſtählen die Schwungkraft der Seele. Den Segen geordneter Arbeit haben Sie an ſich erkannt, ſo will ich hoffen. Übertragen Sie ſolche Erkenntnis auf Ihr ganzes Leben! Im Grunde genommen gibt es nur ein einziges Erziehungsmittel, und das heißt Arbeit. Und im Grunde genommen gibt es nur einen Weg zum Glück, das ſich auf Tüchtigkeit aufbaut, und der führt durch die Arbeit. Arbeit iſt Araftbetätigung im Dienſte einer Pflicht. Jeder Menſch hat ein Recht auf Arbeit, das Kind, das ſich langweilt, ebenſogut wie der Erwachſene. Nur wem in der Arbeit das Pflichtgefühl zur zweiten Natur wird, der gelangt zur inneren Befriedigung.

Wir leben in einer gerade für die Jugend ſehr gefährlichen Zeit. Neben den phyſiſchen gibt es auch pſychiſche Bazillen, die einen zerſtörenden Einfluß auf das ſittliche Bewußtſein aus⸗ üben können. Sie ſchwirren gleichſam in der Luft, in der geiſtigen Zeitatmoſphäre, ſie werden von Agitatoren auf der Rednerbühne, in ZHeitungen und Feitſchriften, Büchern und Broſchüren maſſenhaft verbreitet. Niemand weiß am Ende mehr, wie ſie entſtanden ſind. Sie ſind da, man hält ſie für gegeben, für naturnotwendig, und viele unreife Seelen erliegen ihnen, denn ſie haben keine ſo geſunde und kernkräftige Konſtitution, keinen ſo feſten Charakter, daß ſie Widerſtand leiſten, abwehren, ehrlich kämpfen und ſiegreich ſie überwinden könnten. Soll ich Ihnen einen ſolchen Bazillus modernſter Reinkultur nennen, der unendlich verführeriſch ſich in junge phantaſievolle und zugleich tatenfrohe Seelen einſchleicht?d Er heißt das Recht auf Macht, auf Unge⸗ bundenheit und Willkür; derÜbermenſch ſetzt Freiheit und Zügelloſigkeit gleich, und in klingendſter Phraſe heißt er dasſouveräne Individuum, das ſelbſtherrliche Ich als Bejaher ungemeſſener Rechte und als Verneiner unbequemer Pflichten. Man kann bei ganz modernen Pädogogen Anſchauungen antreffen, die ein Recht ſich auszuleben ſchon für das Uind fordern und jeden Zwang Tyrannei nennen. Wie vor kindlichen Zeichenverſuchen, ſo ſteht man auch vor kindlichen Stilübungen bewundernd, als ob das Uind in allem ein geborener Rünſtler ſei und nur die böſe Schule hernach alle die ſchönen Keime frei waltender Phantaſie durch nüchterne Unterweiſung zertrete. Man möchte von ernſter, ſtrenger Zucht und gar von Strafe nichts wiſſen, als ob jedes

Uind von Hauſe aus ach, ſo gut, ſo fromm, ſo geduldig, ſo gewiſſenhaft wäre und nur der böſe Schulzwang es ſtörriſch, widerwillig, träge mache.