Jahrgang 
1910
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Welch harter Schlag war es daher für unser Volk, als es zur Gewißheit wurde, daß unser Kronprinz von einer tückischen Krankheit befallen war, die sein Leben aufs schwerste bedrohte! Der Liebling des deutschen Volkes war ein todkranker Mann, als er den Thron seiner Väter bestieg. Aber auch in seinem Leiden war er das Muster starken Mutes und bewundernswerter Geduld. Trotz seiner schweren Krankheit erfüllte er seine Herrscherpflichten mit einer Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit, die nur einem Hohenzollern eigen sind..

Viel zu früh für die Erfüllung der hehren Aufgaben, die er sich selbst gestellt, und der Erwartungen, mit denen das Vaterland seiner Regierung entgegensah, ist er in das Grab gesunken, aber sein Gedächtnis wird fortleben, so lange Deutsche auf dieser Erde wandeln. Uns aber und noch vielen, vielen Generationen, die in diesem Hause aus- und eingehen, soll der Anblick seiner hoheitsvollen Gestalt eine Mahnung sein, ihm nachzueifern in seinen Tugenden: in Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit, in Heldenmut und Standhaftigkeit, in Güte, Freundlichkeit und Geduld, in der Liebe zu allem Wahren, Edlen, Guten.

Wenn es bei seinem Scheiden für unser Volk einen Trost gab, so war es der, daß sein ältester Sohn, unser erhabener Kaiser mit starker Hand das Szepter ergriff und mit regstem Pflichtgefühl und unermüdlichem Eifer für das Wohl des Reiches sorgte. Seiner rastlosen Tätigkeit haben wir es zu danken, daß Deutschland groß dasteht, geachtet im Rate der Völker, sicher in seiner eigenen Kraft, stetig fortschreitend auf der Bahn der Bildung und Gesittung. So wollen wir denn auch heute unserem vielgeliebten Kaiser den schuldigen Dank darbringen, indem wir das Gelübde der Liebe und Treue erneuern und, während die Hülle fällt, freudig einstimmen in den Ruf: Seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser, König und Herr, lebe hoch!*

Nach dem Gesang der Nationalhymne wurde von dem Oberprimaner Friederich(Tenor) Kaiser Friedrichs LieblingsliedWenn der Herr ein Kreuze schickt(Text von Ernst v. Willich, Melodie von R. Radecke) vorgetragen. Es folgte die Deklamation von Geroks GedichtZum Gedächtnis an Kaiser Friedrich(Benno Reifenberg) und der ChorgesangDu edler Dulder, mit dem die erhebende Feier schloß.

Die Kaiserprämie erhielt der Oberprimaner Eberhard Flad.

Bei der Eröffnung des Sängerwettstreits(20. Mai) war es den Lehrern und Schülern der Anstalt ver- gönnt, an der Einfahrt zur Festhalle Spalier zu bilden und Seine Majestät mit jubelndem Zuruf zu begrüßen.

An Schillers 150. Geburtstag fand in der Aula eine öffentliche Feier statt, die mit folgenden Vorträgen begangen wurde: 1. An die Freude(Gemischter Chor). 2. Aus Wilhelm Tell: Es lächelt der See(Hans Welcker), Es donnern die Höhen(Anton Menzinger), Ihr Matten lebt wohl(Sopran, Violine: Heinrich Ahrens). 3. Die Macht des Gesanges(Ernst Hehner). 4. Der Alpenjäger(Sologesang: Hermann Klöppel). 5. Pegasus im Joche (Wilhelm Giegerich)h. 6. Die Worte des Glaubens(Rudolf Franke). 7. Das verschleierte Bild zu Sais(Benno Reifenberg). 8. Wohlauf Kameraden(Einstimmiger Männerchor). 9. Goethes Schilderung von Schillers Tod; sein Plan den Demetrius zu vollenden, Tages und Jahreshefte 1805(Kurt Runkel). 10. Demetrius I, 1(Hans Gieseke, Rudolf Busse). 11. Holder Friede(Achtstimmiger gemischter Chor).

Am 14. Mai fanden die üblichen Klassenausflüge statt.

Am 22. September veranstaltete der Frankfurter Ruderverein für seine Schülerabteilungen ein Wett- rudern. Unsere Schüler errangen in zwei Rennen den ersten Preis. Sieger des ersten Rennens(Zweier mit Steuermann) waren: Hans Schreiber, Kurt Runkel, Friedrich Martin(Steuer), des zweiten(Achter): Hermann Kahle, Heinrich Ahrens, Hermann Klöppel, Heinrich Hauck, Gustav Teetzmann, Fritz Siefert, Hans Schreiber, Kurt Runkel, Friedrich Martin(Steuer).

Eine mutige und entschlossene Tat verdient besonderer Erwähnung. Der Unterprimaner Hans Schreiber ist am 14. August einem bei der alten Maininsel in den Main gefallenen Knaben auf das Hilfe- geschrei dort spielender Kinder sofort in einem Boote zu Hilfe geeilt und hat den im Wasser bereits ver- schwundenen Knaben vom Grunde des Mains mit eigener erheblicher Lebensgefahr durch dreimaliges Untertauchen heraufgeholt. Leider blieben die von anderen Personen an dem Knaben angestellten Wiederbelebungsversuche ohne Erfolg. Dem Unterprimaner Hans Schreiber hat der Herr Regierungspräsident zu Wiesbaden für seine unerschrockene Hilfsbereitschaft eine Belobigung aussprechen lassen.

Am 19. August haben die Obersekundaner Erich Stranghöner, Heinrich Wiegandt, Leo Stein, Friedrich Martin, Franz Herborn bei dem Unglück in der Offenbacher Schleuse an der Gerbermühle einen Mann und ein Kind von dem Tode des Ertrinkens gerettet. Wegen dieser von Mut und Entschlossenheit