Jahrgang 
1910
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Rußland zu schwächen, brachte England ein Bündnis mit Japan zu stande, getreu seiner Gewohnheit, seine Schlachten von anderen schlagen zu lassen. Als der russische Koloß auf den mandschurischen Schlachtfeldern in den Staub sank, da stieg die Sonne Nipons leuchtend empor und sandte ihre belebenden Strahlen über alle Völker Asiens. China reckte sich nach Jahrtausend langem Schlafe. Es ging ein Zittern durch die Völker Asiens vom Fuße des Himalaia bis zu den Ufern des Nils und des Bosporus. Wer gedächte da nicht der prophetischen Kaiserworte:Völker Europas, wahret eure heiligsten Güter. Das zerschmetterte Rußland war kein Gegenstand der Furcht mehr für England. Es verständigte sich mit ihm über die asiatischen Fragen und gewann dieses slavische, dentschfeindliche Land für seine Einkreisungspolitik. Die erste Probe der Ausschaltung Deutschlands aus der internationalen Politik in derMarokkofrage wurde durch die Furcht vor dem scharfen deutschen Schwerte vereitelt. Als zweite Probe einer Demütigung Deutschlands wurde diebosnische Frage benutzt. Aber als Deutschlands Kaiser mit der Selbstverständlichkeit germanischer Treue an die Seite seines greisen Freundes und Bundesgenossen trat und das entschlossene Wort sprach: Hinter Osterreich steht die gesamte Macht des Deutschen Reiches, da wurde der Kreis plötzlich locker. Stolz erfüllte jeden Deutschen ob dieser Wertung deutscher Macht. Man liebt uns nicht, aber man fürchtet die erste Kriegsmacht der Welt; und daß wir es sind und bleiben, verdanken wir der Sorge und rastlosen Arbeit unseres Kaisers. Aber ihn geizt nicht nach kriegerischen Lorbeeren. Ein so furchtbares Kriegsinstrument seine Macht auch ist und so wenig er zögern würde, sie für Deutschlands Ehre einzusetzen, ein so wirksames Friedensinstrument ist sie in seiner Hand. Er will ein Friedensfürst und Beglücker seines Volkes sein, seine stete Bemühnng gilt der Erhaltung des Friedens. Er ist der Friede Europas. Deutschlands nationale und politische Einheit, in blutigen Schlachten erkämpft, ist das Fundament, auf dem der stolze Bau deutscher Macht und Größe empor- wächst. Die Hauptsorge des Bauherrn ist, böswillige Störungen der Bautätigkeit zu verhindern. Möge Gott seine Hilfe leihen und unserm allgeliebten Kaiser noch lange Jahre seiner glücklichen Friedensregierung schenken, ihm zu Ruhm und Ehre, seinem Volke zu Glück und Segen.

An die Festrede schloß sich der ChorgesangHeil, deutscher Kaiser, der zur Ansprache des Direktors überleitete, die etwa folgenden Wortlaut hatte:

Der heutige Tag bedeutet für Seine Majestät unsern vielgeliebten Kaiser den Abschluß eines glücklichen, gesegneten Lebensjahres, und unsere innigsten Bitten und Gebete gipfeln heute in dem Wunsche, Gott der Herr möge unsern Kaiserlichen Herrn auch in dem neuen Lebensjahre schützen und bewahren, ihm Gesundheit und Kraft verleihen, seines hohen Amtes zu walten zum Wohle des Reiches, zum Segen des Vaterlandes. Gott der Allmächtige segne unsern Kaiser und das ganze kaiserliche Haus, das ist heute unser heralichstes, innigstes Gebet.

Die Feier des Allerhöchsten Geburtstages soll für uns in diesem Jahre eine besondere Weihe erhalten. Im vorigen Sommer hat der Herr Minister unserem Gymnasium eine Kolossalbronzebüste Seiner Majestät des hochseligen Kaisers und Königs Friedrich gütigst überwiesen und zugleich bestimmt, daß die Büste, ein Werk von der Meisterhand des Professors Reinhold Begas, in der Aula der Anstalt aufgestellt werde. Für die Enthüllung der Büste schien kein Tag schöner und geeigneter zu sein, als der heutige, der Geburtstag Sr. Majestät. Wissen wir doch, mit welcher Liebe unser Kaiser an seinem herrlichen Vater gehangen hat, mit welcher Ehrfurcht und Dankbarkeit er das Gedächtnis seines erlauchten Herrn Vaters hochhält.

Kaiser Friedrich ist der Welt bekannt als der siegreiche Feldherr seines großen Vaters, als der Heerführer, der bei Königgrätz durch sein rechtzeitiges und geschicktes Eingreifen in die Schlacht den Sieg der Preußen entschied und vervollständigte, als der ruhmreiche Sieger von Weißenburg und Wörth, als der Siegesheld von vielen Kümpfen und Schlachten, an deren Erfolgen er in dem großen Kriege den ruhmvollsten Anteil gehabt hat.

Seine Taten in den Kriegen, die die Einheit des deutschen Vaterlandes herbeiführten, haben seinen Heldenruhm begründet, aber auch sein Wirken im Frieden war für unser Volk nicht minder bedeutsam und segensreich. Im Verein mit seiner feinsinnigen hohen Gemahlin hat er Kunst und Wissenschaft in reichem Maße gepflegt und geſördert. Die griechische Archäologie, für die er durch seinen Lehrer Ernst Curtius früh ein lebhaftes Interesse gewann, verdankt ihm sogar einen neuen Auf- schwung. In seinen hohen Ehrenstellungen als Rektor magnificentissimus der Albertina zu Königs- berg, als Protektor der Königlichen Museen, als Ehrenmitglied der Akademie der Künste sah er stets nicht nur eine Anerkennung des Interesses, das er der Förderung von Kunst und Wissenschaft entgegenbrachte, sondern auch einen neuen Ansporn zu weiterer erfolgreicher Tätigkeit.

Kaiser Friedrich war eine reckenhafte Erscheinung, eine Siegfriedsgestalt, die Verkörperung echter Ritterlichkeit, ein Fürst von gewinnendem, liebenswürdigem Wesen und doch sicherer und fester Haltung. Seine Einfachheit bei aller Vornehmbeit und Hoheit, seine Milde und Freundlichkeit, sein edler Freimut, seine aufrichtige Teilnahme an dem Wohl und Wehe seiner Mitmenschen ge- wannen ihm früh die Herzen der Deutschen in Nord und Süd. Er war der erkorene Liebling des deutschen Volkes, das ihn seit den Tagen von Weißenburg und Wörth mit VorliebeUnseren Fritz nannte.