Jahrgang 
1910
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Siemens ist diese vorteilhafte Umwandlung der magnet-elektrischen Maschine zu danken. Die volle Bedeutung der Dynamomaschine ist noch gar nicht abzusehen. Sie wird sich zur Universalmaschine der Zukunft erheben: die Leichtigkeit, mit welcher mechanische Arbeitskräfte durch sie in elektrische umgesetzt werden können, sobald in dieselbe ein Strom eingeführt wird, hat zum Problem der Kraft- übertragung auf weite Strecken geführt. Unsere elektrische Ausstellung im Jahre 1891, welche durch den hohen Besuch unseres Kaisers eine besondere nationale Bedeutung erlangte, hat zuerst dieses Problem durch den glänzend gelungenen Versuch einer Kraftübertragung von Laufen am Neckar hierher gelöst. Wenn wir heute in den Fabriken an Stelle von rauch- und dampfspeienden Maschinen von geheimnisvoller Kraft getriebene Motoren und an Stelle der friedlichen Pferdebahn die elektrischen Wagen auf einen Hebeldruck dahinrasen und still stehen sehen, so ist dies das Werk der Dynamomaschine. Sie ist es, die uns der Zeit der Erschöpfung der Kohlenvorräte, dem Tode der Dampfmaschine, mit Ruhe entgegensehen läßt; denn sie wird an Stelle dieser vor Millionen Jahren aufgespeicherten Sonnenenergie andere Formen derselben, die Energie des Wassers, des Windes sowie der Ebbe und Flut der Industrie dienstbar machen. Ja, es ist vielleicht der Zukunft vorbehalten, mit Umgehung des kostspieligen Umwandlungsprozesses direkt aus dem Urquell dieser Energie, der Sonne zu schöpfen, denn sie sendet uns nicht nur Licht und Wärmestrahlen, sondern auch elektrische Strahlen, die auf der Erde die sogenannten magnetischen Gewitter mit den wunder- baren Nordlichtern, aber auch unangenehme Störungen der elektrischen Apparate erzeugen. Schon heute ist der Sieg der elektrischen Maschine über die Dampfmaschine entschieden. Das Jahrhundert der Dampfmaschine ist vorüber, wir sind in das der Elektrizität eingetreten. Gegenüber Riesen- geschwindigkeiten von 210 km, deren elektrische Schnellbahnen fähig sind, können Dampfmaschinen nicht aufkommen. Und man tritt bereits der Elektrisierung der Eisenbahnen näher. Die Elektrizität ist daran, unser ganzes Verkehrsleben, ja sogar unser Kulturleben umzugestalten. Sie liefert uns Licht, Wärme und Kraft, sie telegraphiert nicht nur unsere Nachrichten sondern auch unsere Stimme, unsere Schrift und unser Bild, und ihre Röntgenstrahlen photographieren sogar das Innere unseres Körpers. Noch mehr, sie streift die Fessel des Leitungsdrahtes ab, sendet ihre fernstrebenden Wellen über Wüsten und Ozean und verbindet das Schiff auf einsamem Meere mit dem festen Lande und in Seenot mit dem rettenden Dampfer. Wer ahnt die Grenzen der Wunder, die sie noch der Zukunft bringt!

Die Elektrizität, diese geheimnisvollste aller Naturkräfte, hat sich geradezu als das Fundament der ganzen Physik erwiesen, ihr war es vorbehalten, neues Licht über den Zusammenhang und das Wesen der Kräfte zu verbreiten. Ihre Entwickelung und die neuen Ansichten über Licht und Wärme führten zur Uberzeugung von der Einheit der Naturkräfte; ja die Elektronentheorie erklärt auch die Fundamentaleigenschaften der Materie, die Trägheit und die Gravitation auf elektrischem Wege. Es kann heute von verschiedenen Kräften im alten Sinne nicht mehr die Rede sein. Es gibt nur eine Kraft im Reiche der Atome, welche in unveränderlichem Maße dem Stoffe als Bewegungs- energie innewohnt. Nur die Erscheinungsformen dieser Kraft wechseln. Was wir als Schall, Licht, Wärme, elektrische Erscheinungen wahrnehmen, sind Nervenreize, hervorgerufen von verschieden- artigen Wellenschlägen bewegter kleinster Teilchen. Der Nachweis der Einheit und Unzerstörbarkeit der Energie hat einen tief im menschlichen Geiste liegenden metaphysischen Gedanken bestätigt, dessen Ursprung sich bis tief ins Altertum verfolgen läßt. Die Grundlage dieses Gesetzes ist die Xquivalenz zwischen Arbeit und Wärme. Auf das mechanische Wärmeäquivalent baut sich das ganze Energiegesetz auf. Diese wissenschaftliche Tat haben wir Robert Mayer zu verdanken. Das Jahr dieser vornehmsten Entdeckung in der Geschichte der Wissenschaft ist das Jahr 1842. Helm- holtz hat dann die Lehre vom mechanischen Wärmeäquivalent als Lehre von der Erhaltung der Energie weiter fortgebildet und zu einem Weltgesetze erhoben, das alle übrigen Gesetze zu einem harmonischen Ganzen zusammenfaßt. Alles Geschehen in der Natur offenbart sich uns hiernach als Energieveränderung.

Am Schlusse drängt sich uns noch die Frage auf: Wodurch hat sich besonders der Einfluß des deutschen Geistes auf die Entwicklung der Physik geltend gemacht? Ein Rückblick zeigt uns, daß die Deutschen sich besonders durch große treibende Ideen hervorgetan haben. Nicht mit gleichem Erfolge ist der deutsche Geist bei der praktischen Anwendung physikalischer Entdeckungen hervor- getreten. Wir können die beschämende Beobachtung nicht unterdrücken, daß deutsche Erfindungen vielfach erst dann ins praktische Leben eingedrungen sind, als sie uns aus zweiter Hand vom Auslande zugeführt wurden. Erst als Deutschland unter Führung unserer Hohenzollern nach Errichtung des nationalen Kaisertums wieder zu einer politischen Macht erstarkt war, ist auch ein frischer Zug nach praktischer Betätigung erwacht, ist es auch in erstaunlich kurzer Zeit zu einer wirtschaftlichen Macht ersten Ranges emporgewachsen, so daß heute Deutschlands Technik, Industrie und Gewerbe von keinem Land übertroffen werden, tragen doch die Panzerplatten der englischen Kolosse dasmade in Germany von Krupp. Aber diese beispiellose Entwicklung hatte auch ihre Gefahren. Sie erzeugte den Neid und die Eifersucht unserer Nachbarn, besonders Englands, dessen Weltmacht von seiner See- und Handelsgeltung abhängt. Unter seiner Führung verdichtete sich die Abneigung gegen Deutschland zu einer förmlichen Einkreisungspolitik, die aber durch den historischen Gegensatz zwischen England und Rußland gestört wurde. Um Indien zu schützen und