Jahrgang 
1910
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Der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers und Königs wurde in der Aula durch eine öffentliche Feier begangen, bei der eine von dem Herrn Minister gestiftete Kolossalbronzebüste Sr. Majestät des hochseligen Kaisers und Königs Friedrich enthüllt wurde. Die Feier wurde mit dem ChoralLobe den Herrn eröffnet. Es folgte die Verlesung eines Psalms, der Vortrag des ChorsMein Vaterland und die Festrede des Herrn Prof. Dr. Werner, der folgendes ausführte:

Der heutige Tag, an dem die Wünsche und Gebete des gesamten deutschen Volkes für seinen geliebten Kaiser zum Himmel emporsteigen, hat auch uns zu festlicher Feier vereint, um ihm unsere Liebe, Treue und Verehrung zu bezeugen. Und wem wäre es ein größeres Herzensbedürfnis als uns! Steht er doch unserer alten Kaiserstadt besonders nahe. Er weilt so oft in unserer Nähe und unter uns. Erst voriges Jahr hatten wir das Glück, beim Gesangeswettstreit, ihm, dem Förderer des deutschen Volksliedes, zuzujubeln. Kaum waren die festlichen Klänge in der herrlichen Halle ver- rauscht, da öffnete diese ihre Pforten für die modernste aller Ausstellungen, und mit Bewunderung und Staunen waren wir Zeugen des neusten Triumphes der Wissenschaft und Technik, der Eroberung der Luft, Zeugen der Sicherheit und Kühnheit, mit der Parseval und unser Zeppelin den Ather beherrschen, unser Zeppelin, den der Kaiser den größten Deutschen der Gegenwart nannte, ein schöner Beweis für seine begeisterte Teilnahme an allen Fortschritten und Erfindungen. Er steht auf der Höhe seiner Zeit, voll Verständnis für die Aufgaben der Gegenwart und voll hohem Inter- esse an allen Errungenschaften der Neuzeit. ÜUber alle wichtigen Erfindungen läßt er sich eingehend Vortrag halten, um sich über Tragweite und Verwendbarkeit zu orientieren. Seine erste Sorge gilt der Armee und der Marine. Drahtlose Telegraphie und Luftschiffe spielen bereits bei unseren Manövern eine Rolle. Dank der Initiative unsercs Kaisers, des Schöpfers unserer Seeflotte, verfügen wir bereits auch über eine Luftflotte, deren erfolgreiche Manöver erst kürzlich die Welt in Staunen setzten. Alle diese großartigen technischen Triumphe der Neuzeit verdanken wir den Naturwissen- schaften, insbesondere der Physik. Ich glaube daher, dem Zwecke der heutigen Festfeier zu ent- sprechen, wenn ich die Entwicklung der Naturwissenschaften und besonders ihre Förderung durch deutsche Geistesarbeit meiner Betrachtung zugrunde lege.

Der Redner würdigt zunächst die Bedeutung der Griechen, besonders des Aristoteles für die Entwicklung der Physik, charakterisiert als Methoden griechischer Forschung: die Methode der Naturphilosophie und die der mathematischen Physik und stellt fest, daß die eigentliche wissen- schaftlich physikalische Methode des Experiments den Griechen fremd war. Nachdem sodann die Stellung und Behandlung der Physik, sowie die Herrschaft des Aristoteles im Zeitalter der Scholastiker besprochen war, wendet sich der Redner der Zeit der Blüte der Naturwissenschaften in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu, feiert Kopernikus und Kepler, die Begründer der heliozentrischen Weltanschauung und Galilei, den Schöpfer der neueren Physik und zeigt, daß von dem Dreigestirn Kopernikus, Kepler und vor allem Galilei die Experimentaſphysik und damit die Physik als Wissen- schaft begründet worden ist. Aus der folgenden Zeit des Niederganges der deutschen Wissenschaft infolge des 30 jährigen Krieges wird Otto von Guericke, der große Experimentator und Erfinder der Luftpumpe hervorgehoben. Nach Untersuchung der Gründe, weshalb dem neuen Aufschwung des deutschen Geisteslebens im Neuhumanismus keine Neubelebung der realen Wissenschaften folgte, wird der Ruhm des Mannes verkündet, der das Gleichgewicht zwischen idealen und realen Bestre- bungen wiederherstellte und die deutsche Naturforschung wieder zu hohem Ansehen brachte, Alexander von Humboldts, des genialen Schöpfers des unsterblichen Kosmos. Es wird darauf hingewiesen, daß wir seit A. v. Humboldt mit patriotischem Stolze die Entwickelung der Physik verfolgen können, da deren gegenwärtige Höhe zu einem großen Teile durch deutsche Arbeit erreicht worden ist und neue Entdeckungen und Ideen dentscher Meister die Richtungen des Weiterbaus für die künftigen Geschlechter vorgezeichnet haben. Der Redner geht sodann aus der neueren Physik auf den Elektro- magnetismus und das Gesetz von der Erhaltung der Energie näher ein.

Im Jahre 1831 hatte Faraday entdeckt, daß in Drahtspulen, welche an Magnetpolen vorbei- bewegt werden, elektrische Ströme entstehen. Diese Art der Stromerzengung führte zur Konstruktion der magnet-elektrischen Maschinen, durch welche es möglich wurde, ohne Anwendung einer gal- vanischen Batterie elektrische Ströme zu erzeugen. In der Praxis stellte sich das Bedürfnis heraus, die elektrischen und magnetischen Kräfte durch die Maße der Mechanik zu messen. Das Verdienst der Lösung dieser schwierigen und wichtigen Aufgabe gebührt den deutschen Professoren Gaus und Weber. Die Einführung des absoluten Maßes in die Elektrizität ist eine wissenschaftliche Errungen- schaft von großer Bedeutung. Sie hat wesentlich zu dem erstaunlichen Aufschwung unserer heutigen Elektrotechnik beigetragen. Die Weberschen Maßbestimmungen sind dann dem internationalen Einheitsmaße zugrunde gelegt worden. Gaus und Weber sind auch als die Erfinder des Telegraphen zu betrachten, dessen praktische Ausnutzung wir allerdings den Engländern und Amerikanern ver- danken. Weber hat auch zuerst die Schallschwingungen durch Induktionsströme wahrgenommen. Aus der Verfolgung derartiger Beobachtungen ist das Telephon hervorgegangen, als dessen Erfinder der Reallehrer Reis aus unserem benachbarten Friedrichsdorf zu betrachten ist, dessen jetzige Ein- richtung aber von dem Amerikaner Bell herrührt. Dem Telephon ist ebenbürtig die Dynamomaschine zur Seite zu stellen. Der genialen Erfindungsgabe unseres berühmten Elektrotechnikers Werner

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