Jahrgang 
1906
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b. Deutsch.

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nationalen Lebens erforderlich sind. Wenn wir auch die Meinung vertreten, daß die praktische Ausbildung des Lehrlings in die Werkstatt oder in das Geschäft gehört, so nehmen wir doch jede Gelegenheit wahr d. h. wo sie sich ungesucht ergibt die Theorie auf die Praxis anzuwenden. Die Gärtnerlehrlinge erhalten im Anschluß an den theoretischen Unter- richt im Schulgärtchen Anleitung zur praktischen Betätigung in der Anlage von Beeten, im Beschneiden der Bäume und Sträucher, in der Veredelung der Obstbäume u. dgl. In den Klassen für Tapezierer und Dekorateure verbinden wir mit der Anfertigung von Schnittmustern UÜbungen im Zuschneiden von Dekorationsstücken und im Freihand- dekorieren. Die Metzgerlehrlinge machen einen praktischen Kursus unter Leitung eines Tierarztes im Schlacht- und Viehhof durch. Ahnlich wird in anderen Berufsklassen verfahren. In dem fachkundlichen Unter- richt kommt auch die allgemeine Bildung nicht zu kurz, die darauf abazielt, nicht nur geschickte, kenntnisreiche und selbständig urteilende, sondern auch sittlich tüchtige Arbeiter, gebildete und werktätige Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft, tüchtige Bürger des Staates, kurz edle Menschen zu bilden und zu erziehen. Die Parole für unsere Fortbildungsschulen lautet: Allgemeine Menschenbildung im Rahmen spezieller Berufs- bildung. Dem praktischen Sinn, der leicht in Egoismus ausartet und dann das Höchste in der Wahrung persönlicher Vorteile erblickt, muß die Begeisterung für ideale Güter, für große Männer und Zeiten an die Seite gesetzt werden. Vor allem dürfte hier die Lektüre das Mittel sein, für das Ideale zu begeistern, zu ästhetischem Genuß zu erziehen, dem erwachenden geschichtlichen Sinn durch Schilderungen großzer Männer und Zeiten veredelnde Nahrung zu geben. Der Lektüre liegt das Frankfurter Lesebuch für Fortbildungsschulen zu Grunde.

In den kaufmännischen Klassen sind die Versuche noch nicht ab- geschlossen, um zu einem endgültigen Urteil darüber zu gelangen, ob es mit Erfolg durchführbar ist, den gesamten Unterrichtsstoff um einen gemeinsamen Mittelpunkt zu gruppieren, wie dies in der gewerblichen Abteilung durchgeführt ist. Im 1. Schuljahr gewähren wir der Lektüre und besonders dem Aufsatz einen weiten Spielraum, weil erfahrungs- gemäßz die Schüler erst dann einen guten Geschäftsbrief schreiben, wenn sie durch den Deutschunterricht befähigt wurden, Gedanken zu finden und in korrekter Form mündlich und schriftlich auszudrücken. Im 2. und 3. Schuljahr tritt der Deutschunterricht zu Gunsten der Korre- spondenz mehr zurück.

Für die unterrichtliche Behandlung des geschäftskundlichen Stoffes, der in den Lehrplänen unter Deutsch aufgenommen ist, war der Grundsatz maßgebend, daß die Behandlung nicht vom Lesestück auszugehen hat, sondern daß sie in freier Weise geschieht und in dem Lesestück schließlich