Jahrgang 
1929
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In der Chemie wurden die Halogene ausführlich besprochen, weil sie als Grundlage zur Einführung in das periodische System dienen. An Gruppe 5 und 7 wurden die Familieneigenschaften besonders vertieft heraus- gearbeitet. Bei den Stickstoffverbindungen ergab sich der Hinweis darauf, wie wichtig es für uns ist, daf wir uns hier vom Ausland frei machen. In gleichem Sinn wurden auch bei der Verwertung der Kohle durch Ent- gasung und Vergasung die neuesten Errungenschaften der Chemie gewürdigt.

Im Zeichenunterricht stellten sich die Schüler in zunehmendem Mafe die Aufgaben selbst.

Besondere Bemerkungen: In allen Fächern wurde versucht, die Schüler dazu zu erziehen, den Blick vom Ein- zelnen zum Allgemeinen zu erheben, einen Oberblick über einen größeren Zeitraum oder ein größteres Stoff- gebiet zu bekommen, das Wesentliche vom Unwichtigen loszulösen und sie in der schriftlichen und vor allem mündlichen Darstellung des so gewonnenen Wissens und Könnens zu üben.

Nachteilige Beobachtungen. Bei einem gründlichen Unterricht in der Erdkunde ist es nahezu unmöxglich, das grofte Stoffgebiet dieser Klasse gleichmäftig zu bearbeiten. Wenn die Schüler auch angeregt wurden, Zeitungsberichte und IIlustrationen zu sammeln, die mit dem Lehrstoff in Beziehung standen, so ist die Ergänzung des erdkund- lichen Anschauungsmaterials doch dringend notwendig. Die heute zur Verfügung stehenden Geldmittel reichen kaum für die Erhaltung des Bestehenden aus.[m Geschichtsunterricht muf daran festgehalten werden, daß die grie- chische Geschichte bis zu den Sommerferien, die römische bis zu den Herbstferien erledigt, d. h., daß die alte Seschichte auf das Notwendigste beschränkt wird. Bei den praktischen Ubungen in der Chemie machte sich der Übelstand bemerkbar, daß im Verhältnis zu der Menge aller praktisch arbeitenden Schüler der Anstalt(12 Abteilungen von mindestens 14 Schülern) das zum Experimentieren zur Verfügung stehende Material viel zu knapp war. Beim Arbeiten in gleicher Front machte sich immer wieder bemérkbar, wie schwierig es ist, alle Schüler zu veranlassen, aus den angestellten Versuchen die Resultate selbständig zu erarbeiten.

UNTERPRIMA

Konzentrationsthema war: das Aufsteigen deutscher Art im 18. Jahrhundert. Durch Aufstellung eines Über- sichtsplanes und durch laufende Besprechung der Lehrer wurde es ermöglicht, durch Teilung, Ergänzung und Gegenüberstellung viel von dem aufleben zu lassen, was in dieser entscheidenden Entwicklung mitgewirkt hat. und zwar das Naturgegebene, das Gewollte und das schicksalhaft Entstandene. Nur durch Inangriffnahme eines solchen Gebietes von mehreren Seiten her ermöglicht sich eine solche wertvolle Zusammenschau, die Erkenntnis der Gesetzmäftigkeit der Auswirkung der Tatsachen und ihre Beeinflussung durch den Willen.

Im Deutschunterricht lag der Mittelpunkt für die Behandlung des leitenden Grundgedankens, Als Ziel des deutschen Menschen im 18. Jahrhundert wurde die Entwicklung des Geistes aus der natürlichen Grundlage des Seins zur bewuftten Anerkennung der Verpflichtung der Menschenw ürde und die Herausbildung des Willens zur Entscheidung im Konflikt der Pflichten erkannt, die das Leben an den Menschen heranbringt. In der Anwen- dung der verschiedenen Arbeitsformen wurde auf angemessenen Wechsel Wert gelegt. Das Lesen zusammen- hängender Teile eines Schriftwerkes im Unterricht wechselte mit dem häuslichen Lesen, dem freien Unterrichts- gespräch und der Wiedergabe von Gelesenem und Gehörtem durch freie Schülervorträge ab. Besonderer Wert wurde auf die Erziehung zu ruhiger. sicherer Sprechweise gelegt, wobei die Schüleraufführung der Ula von Schluck und Jau gute Dienste leistete. Die Wahl der Aufsatzthemen war abwechselnd frei(Entfaltung des individuel- len Könnens) und gebunden(Gewöhnung an bestimmte Aufgaben als Kontrolle für die Beherrschung abge- schlossener Stoffgebiete). In der Form herrschte die feste Gliederung vor. Sie wechselte gelegentlich mit der freien, mitunter aphoristischen oder gereimten Form ab. Als Methode gegen die Abwehr der ungeprüften Phrase wur- den angewandt: Beobachtung der Tatsachen. Gesetzmäftigkeit der Wirkung, Beeinflussung durch den Willen.

In der Geschichte deckte sich die Aufgabe gut mit dem Konzentrationsgedanken. Besonderer Wert wurde auf die Erkenntnis der wirklichen Geschehnisse und der treibenden Kräfte nach persönlichen, wirtschaftlichen, poli- tischen und kulturellen Gesichtspunkten geordnet gelegt. Sie wurden nach ihrer Wirkung auf die Gegenwart, auf Individuum, Staat, Volk und Menschheit bewertet. Über strittige Fragen wurde diskutiert unter Hin- weis auf Quellen im Deutsch- Religions- und fremdsprachlichen Unterricht.

Der Mathematik wie auch der Physik fiel die besondere Aufgabe zu, das Aufsteigen deutscher Art im 18. Jahrhundert in dem deutschen Anteil an den wissenschaftlichen und praktischen Fortschritten der Mathematik, Physik und Technik in diesem Zeitraum zu zeigen. Die besondere Hervorhebung der so bedeutungsvollen deut- schen Arbeit auf diesen Gebieten wurde deshalb besonders gepflegt und um die persönlichkeiten von Gauf. Leibniz, Euler bzw. Sömmering. Weber, Werner Siemens, Lenz. Helmholtz. Reis. Lüdtge, HIefner-Altenedk grup- piert. Besonderer Wert wurde auf engste Verbindung mit der Physik durch Wahl der Aufgabenstoffe aus der Mechanik, Flektrik und Optik sowie auf Kurvenzeichnen und Kurvendiskussionen gelegt.

Im Biologieunterricht wurde die mechanische Festigung im Tier- und Pflanzenreich besonders eingehend be- sprochen und ihr anatomische Bedingtheit in mikroskopischen Übungen kennengelernt.

OBERPRIMA

Die besondere Aufgabe für diese Klassen war die Herausarbeitung der Persönlichkeit und Verdienste von Descartes. Während sich die von allen Oberprimanern besuchte philosophische Arbeitsgemeinschaft bemühte, das philosophische System Descartes' zu erkennen, wurden im Deutschunterricht, in der Religion und im fremd- sprachlichen Unterricht die Grundgedanken der Aufklärung herausgearbeitet. Der mathematische Unterricht zeigte Descartes als den Begründer der Methode der analytischen Geometrie unter IHleranziehung der Quellen, besprach seine Methode der unbestimmten Koeffizienten und machte durch Schülervorträge mit seiner Methode zur Lösung der Gleichungen 4. Grades bekannt. 4

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