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Berufsstand sein„Ansehen heben“ will, so wird schnell das Abiturientenzeugnis einer höheren Lehranstalt ge- fordert. Wir müssen wieder lernen, dafß die für jeden Beruf notwendige Leistungsfähigkeit mit dem blofien Verlangen oder dem Vorzeigen des Reifezeugnisses noch nicht gegeben ist. Und das Ansehen und die Achtung steigert man durchaus noch nicht allgemein durch Forderung des Reifezeugnisses, sondern durch er- höhte Leistungen im Beruf und darüber hinaus. Die vielfach unberechtigten Uebersteige- rungen der Bildungsanforderungen bringen aber nur zu oft unsere Schüler zu dem Glauben, daft es eben genügt, wenn das Zeugnis vorgezeigt werden kann. Ob sie eigenes Können besitzen, selbständig zu arbeiten imstande sind, ob sie sich persönlich mit den Problemen auseinandergesetzt haben und dadurch geistig und seelisch gewachsen sind, ist ihnen nur zu oft gleichgültig. Und damit komme ich zum andern, zu dem,
was noch zu tun ist. 3 Hier müssen die Eltern eingreifen und mithelfen. Nirgends wie hier bietet sich für das Eltern- haus reichlich Gelegenheit, mit der Schule zusammenzuarbeiten. Das macht aber regelmäſltige Besuche der Eltern bei den Lehrern notwendig. Die Schüler müssen wissen, daßfß der Vater oder die Mutter in gan⸗- bestimmten Zeiträumen Rücksprache mit ihren Lehrern über das Verhalten im Unterricht, über die Einstel- lung zur Schularbeit nehmen. Wir Lehrer sind auf solche Besuche und Aussprachen angewiesen. Die Eltern er- leichtern uns unsere vertiefte psychologische Unterrichts- und Erziehungsarbeit, wenn sie unsere Einsicht in das Seelenleben ihrer Kinder ständig fördern. So mancher Umweg könnte uns in unserm Bemühen, die Schü- ler innerlich zu erfassen und weiter zu bringen, erspart werden, wenn die Eltern mehr als bisher Fühlung mit uns nehmen würden. Was unseren Bemühungen, in den Unter- und Mittelklassen einen festen Wissensbesit⸗z zu schaffen, den wir dann in den Oberklassen zu Können umwerten wollen, immer wieder hindernd in den Weg tritt, ist die An- sicht vieler Schüler der Unter- und Mittclklassen, daſt sie im Sommerhalbjahr weniger als sonst zu arbeiten brauchen. Das Versäumte wollen sie dann im Winter wieder nachholen. Sie verstehen noch nicht, daf sich die ganze Arbeit des Winterhalbjahres auf der des Sommerhalbjahres aufbaut, Wer in diesem nicht genügend gearbeitet und mitgearbeitet hat, wird im Winter den erhofften Erfolg nicht haben. Auch hier müssen wir Eltern aufklären und mit fester Hand führen. Und wenn wir, Schule und Elternhaus, im kommenden Schul- jahr gemeinsam daran gehen, die Hindernisse fortzuräumen, deren Beseitigung in unserer Macht liegt, so wer- den wir beide nach Verlauf eines Jahres noch mehr Erfolge unserer Arbeit feststellen können.
Dr. Richard Oehlert.
Was uns zur Errichtung eines reformrealgymnasialen Zuges an unserer Ziehen-Oberrealschule bestimmte.
Nach der Neuordnung des preufischen höheren Schulwesens treten auf der Oberrealschule die Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer(Physik, Chemie, Biologie)mehr als bisher in den Vordergrund. Sie sind neben Deutsch und Religion die eigentlichen Hauptfächer.
Eine weit verbreitete Ansicht besteht nun darin, daß für das mathematische und das damit eng verbundene naturwissenschaftliche Arbeiten eine besondere, ausgesprochene Begabung beim Schüler vorhanden sein müsse, wenn er sein Ziel, die Reifeprüfung, mit Erfolg auf der Oberre- Schule erreichen wolle. Gestützt wird die Annahme eines besonderen mathematischen Sinns durch Möbius in seinem Buch„Ueber die Anlagen zur Mathematik“. Aber Möbius ist nicht überzeugend. Er hat die Schädelbildungen hervorragender Mathematiker untersucht und glaubte an der Augenhöhle, an der Grenze zwischen Schläfe und Stirn, eine besondere Wöl- bung festgestellt zu haben. Aber schon Kruckenberg hat in seinem Werk: Der Gesichtsausdruc des Menschen, nachgewiesen, daft sich Möbius geirrt hat. Was er als besonderes mathematisches Organ ansprach, ist ein diarak- teristisches Merkmal der männlichen Schädels gegenüber dem weiblichen überhaupt. Dieses findet sich bei allen bedeutenden Menschen besonders ausgebildet, nicht nur bei den Mathematikern.
Wie kommt es aber, so kann gefragt werden, daß geistig gesunde und begabte Schüler oft auch bei gröfter Anstrengung in der Mathematik nichts erreichen? Sicher ist dabei nur, daft es sich keineswegs um einen„gei- stigen Defekt“ handelt. Das Versagen kann verschiedene Ursachen haben. Entweder fehlen die mathema- tischen Grundlagen, oder es liegt daran, daß nur mangelhaftes Interesse für die Mathe- matik vorhanden ist. Was das erstere betrifft, so ist es natürlich nicht möglich, ohne sichere Grundlagen mathematischen Gedankengängen zu folgen. Gerade in der Mathematik baut sich alles peinlich systematisch auf. In keinem andern Fach, so kann behauptet werden, machen sich vorhandene Lücken so deutlich bemerk- bar, wie in der Mathematik. Auch das mangelhafte Interesse ist für die Mathematik recht bedenklich, weil der Schüler gerade in der Mathematik mit ganzem Herzen bei der Sache sein mußz. Schliefilich ist das Ver- stehen oder Nichtverstehen in der Mathematik auch noch eine Angelegenheit der Methode. Wer im mathema- tischen Anfangsunterricht deduktive Ableitungen verlangt, bedenkt nicht, daß der junge Mensch in diesem Alter für deduktives Denken noch gar nicht fähig ist. In diesem Entwicklungszustand kann man noch nicht von der Behauptung, von dem Gesuchten ausgehen. Wer seinen mathematischen Anfangsunterricht„naturge- mäft“ gibt, d. h. vom Gegebenen, von der Fernneseteung ausgeht, wird keine übertriebenen Anforderungen an die Schüler stellen. Bei ihm wird sich mit Sicherheit das rechte Verhältnis zwischen der aufgewendeten Arbeit und dem erreichten Erfolg einstellen.
Im allgemeinen kann behauptet werden, daft der Betrieb der Mathematik keine besondere Begabung erfor- dert. Wer normal geistig veranlagt ist, gute mathematische Grundlagen und Interesse für die Mathematik hat, der muf es bei gewissenhafter Arbeit mindestens zu einer genügenden Fähigkeit im Verstehen eines mathe- matischen Gedankengangs und zur Lösung von mathematischen Aufgaben nach einem angedeuteten Schema bringen.
Nur ist das eben nicht genug. Der Mathematikunterricht und alles, was mit ihm zusammenhängt, bildet ja nicht nur den Intellekt. Er soll in gleicher Weise auch auf die Gefühls- und Willensbildung der jJungen Men- schen stark einwirken. Gerade für die Willensbildung ist die Mathematik hervorragend geeignet. Das mit der Aufgabe gestellte Ziel ist eng und begrenzt. Wer es erreichen will. muft Ausdauer besitzen, oder sich in ihrer Angewöhnung üben. Besonnenheit und Gewissenhaftigkeit sind weiter für die Lösung unerläfllich.


