wieder dieselben Gedankenwege gehen. Von Begeisterung ist solche Arbeit zweifellos nicht getragen. Bei der Einstellung auf das Können tauchen dagegen immer wieder ganz neue Probleme auf. Der Lehrer muft ange-
wandte Psychologie betreiben. Das schlieftt Wiederholungen aus, weil jeder Schüler in seiner seelischen Ein-
stellung und geistigen Reaktionsfähigkeit immer wieder anders geartet ist.
Und noch ein weiterer Vorteil sei hier andeutungsweise hervorgehoben. Können ist weder durch Abfragen,
noch durch Dozieren zu vermitteln. An die Stelle der Abfragemethode und des blofen Dozierens muft viel-
mehr das freie Unterrichtsgespräch treten. Geistige Leistungsfähigkeit und freies Unterrichts- gespräch bedingen einander. Letzteres ist die Voraussetzung zu selbständigem geistigen Können überhaupt
und vornehmstes Mittel unserer pädagogischen Arbeit. Beim Abfragen und Dozieren kann der Lehrer besten-
falls auf Eigenschaften aufmerksam machen. Die Entwicklung der Beobachtungs- und Denkfähigkeit braucht
damit noch nicht notwendig verbunden zu sein. Wenn der Lehrer z. B. abstrahiert, so ist noch lange nicht ge-
sagt, daf dadurch die Abstraktionsfähigkeit auch beim Schüler ausgebildet wird. Beim Abfragen und Dozieren 8 gibt der Lehrer das Ziel an. Er leistet im wesentlichen die geistige Anstrengung, nicht die Schüler. Deren 3 Energie und Willenskraft soll aber doch entwickelt und ständig gesteigert werden. Wenn wir Persönlichkeiten bilden wollen, so müssen wir vor allem das entwickeln, was das Wesen der Persönlichkeit ausmacht, und das ist eben persönliche Energie und Willenskraft. Deren Weckung und Entwicklung aber ist nicht möglich, wenn der Lehrer nur fragt und vorträgt, sondern nur durch starke Betätigung der Schüler im freien Unterrichtsge- spräch. Nur so lernen die Schüler auf eigenen Füften stehen und gehen. Der Lehrer muf zwar die Kunst der Wegführung gründlich beherrschen; er gibt an der Hand der Lehrpläne auch die Marschrich- tung an. Aber er marschiert doch nicht allein an der Spitze wie beim Abfragen und Dozieren, sondern geht mit in der Reihe und übernimmt die Führung im Notfall. Die Betätigung der Schüler spielt sich so ab, daft sie entweder fertige Urteile abgeben, die sie sich aus ihrem bisherigen Wissensbesitz bilden, oder sie machen ihre Beobachtungen am gestellten Problem. Dazu gehört auch, daf sie selbst Fragen stellen, die entweder zu persönlicher Aufklärung oder zur Entwicklung des Unterrichtsgesprächs dienen. So bietet dieses dem Schüler reichlich Gelegenheit, geistig selbsttätig mitzuarbeiten. Er verarbeitet unter Führung des Lehrers das gestellte Problem geistig, und so wird seine Urteilskraft entwickelt und gesteigert, sein geistiges Wachstum, sein Können vermehrt. So kommt er allmählich zu produktiven Leistungen.
Wenn wir in dem Verhältnis zwischen Stoff und Kraft das Prinzip der Kraftentwicklung an unserer Schule beim Schüler besonders betonen wollen, so dürfen wir nicht wahllos mit dem Stoff umgehen. Wir haben des- halb innerhalb der für jede Schulart allgemein verbindlichen Lehrstoffgruppen besondere Anstaltslehrpläne für jedes einzelne Fach aufgestellt, wobei wir nach folgenden vier Gesichtspunkten verfahren sind: 1. Ist der Stoff an sich wertvoll?(wertvoll für die materielle und formale Bildung, für die Uebermittlung von Kennt- nissen und für die Entwicklung der psychischen Kraft). 2. Hat er besondere praktische Bedeutung? 3. Ist er die richtige Grundlage für die Aneignung von weiterem Wissen? 4. Kann durch diesen Stoff das gröfitmögliche Maß von geistiger Energie vermittelt werden? 3
Nach diesen Anstaltslehrplänen ist im letzten Schuljahr an unserer Schule gearbeitet worden. Wir haben ganz im allgemeinen den Eindruc, daß unsere Auswahl aus dem groften Stoffbereich richtig war. Das soll uns aber nicht abhalten, ständig unter Berücksichtigung der 4 angeführten Grundsätze und der gemachten praktischen Erfahrungen an der Verbesserung der Lehrpläne weiterzuarbeiten.
Was die Erfolge bei den Schülern betrifft, so läftt sich nach meinen Beobachtungen, die sich über die gesamte Schularbeit erstredken, sagen, dafß wir einen tüchtigen Schritt in der Richtung der Auswertung des Wissens zum Können getan haben. Die aufgetauchten Schwierigkeiten liegen sowohl bei den Schülern, als auch bei den Lehrern. Es gibt immer noch eine beträchtliche Anzahl von Schülern, die nur Wert auf das Zeugnis legen. Ob sie innerlich weiterkommen, seelisch wachsen, ist ihnen nicht so sehr wichtig. Sie verstehen noch nicht, daß ein Reifezeugnis, welches überall genügende Noten aufweist, noch gar nichts über die Lei- stungsfähigkeit sagt. Sie haben noch nicht begriffen, daft nur das persönliche Können, das Leisten- und Arbeitenkönnen, die freiwillige Mit- und Mehrarbeit sichere Voraussetzungen nicht nur zum Weiterkommen sind, sondern daft das alles auch zur rechten inneren Befriedigung gehört. Selbst in den Oberklassen gibt es noch Schüler, die sich freuen, wenn sie in einer Stunde nicht„drankommen“. Mein Hinweis, daß sie darüber tief betrübt sein müßten, da sie ja doch eine Gelegenheit versäumt hätten, sich zu üben, hat nicht die er- wünschte volle Wirkung gehabt.
Schwierigkeiten in der Durchführung des modernen und notwendigen Unterrichtsprinzips, das Wissen in Können, in geistige Kraftsteigerung auszuwerten, liegen auch noch bei uns Lehrern. Wir sind im allgemeinen noch durch die„Schule des Wissens“ gegangen und müssen uns nun in harter Berufsarbeit und bei den viel zu hohen Schülerzahlen in den einzelnen Klassen erst auf das neue Ziel um- und einstellen. Das gelingt dem einen schneller als dem andern. Auf der Universität lernt der zukünftige Lehrer und Erzieher nur sein„Fach“ gründlich kennen. Von Seelenanatomie hört und erfährt er so gut wie nichts. Was würde man wohl dazu sagen, wenn ein Arzt die Approbation bekäme, der den menschlichen Körper, den er zu behandeln hat, nicht durch und durch kennt! Und einen Gärtner ohne genaue Kenntnis der Pflanzen können wir uns auch nicht vorstellen. Nur den zukünftigen Lehrer und Erzieher entläßt man heute noch von der Universität, ohne ihm die genaueste Kenntnis der Seelenfunktionen(Gedächtnis, Phantasie, Wille, Symptome der Aufmerksamkeit und Unaufmerksamkeit) mitzugeben. Dieses Seelenleben soll er doch in ausschlaggebender Weise beein- flussen! Wir müssen uns das alles erst im Beruf in mühevoller Arbeit aneignen. Die Erreichung einer beacht- lichen Kunst darin ist Voraussetzung für unsern Erfolg als Lehrer und Erzieher in der modernen Schule. Die Eltern selbst müßten im Interesse ihrer Kinder und deren seelischer Förderung vom Staat verlangen, daft end- lich auf den Universitäten die zukünftigen Lehrer und Jugenderzieher mit dem notwendigen Rüstzeug zu ihrem verantwortungsvollen Beruf ausgestattet werden. Das ist eben nicht nur gediegenes, gründliches Fach- wissen, wie bisher, sondern ebensosehr hervorragendes Wissen und Können auf dem Gebiet der seelischen Anatomie.
Was die Einstellung vieler Schüler auf die blofße Erreichung des Zeugnisses hin bestimmt, sind nicht zuletzt die Auswüchse des Berechtigungswesens. Wenn heute eine Gruppe im Gehalt aufsteigen, ein


