ERSTREBTESUNDERREIOHTES.
Rückblick auf das Schuljahr 1927/28.
Ich habe unserm Jahresbericht mit voller Absicht das Motto: Können ist Macht! vorangesetzt. Können ist mehr als bloſtes Wissen. Können begreift sowohl die materielle als auch die formale, funktionelle Bildung in sich. Mit andern Worten: die Einstellung unserer gesamten Schularbeit auf das Können setzt die Uebermittlung von positiven Kenntnissen, von Wissen voraus, geht aber bewuftt den Weg weiter zur Entwicklung der psychi- schen Kräfte der uns anvertrauten jungen Menschen. Damit steht zunächst die Bedeutung fest, die wir auch an unserer Schule dem Wissen beimessen. Ohne Wissen, ohne„Stoff“ kann ich keine psychischen Kräfte ent- wickeln, keine Persönlichkeitswerte herausgestalten. Der Stoff und vor allem sein fester geistiger Besitz ist ferner Voraussetzung zur Gewinnung neuen Stoffes. Fehlt dieses positive Wissen, so fehlt auch das Bau- material zur psychischen Ausbildung. Um ein Beispiel aus der Mathematik zu nehmen, so ist es cinfach nicht möglich, ungleichnamige Brüche zu addieren, wenn die Addition gleichnamiger Brüche nicht sicher beherrscht wird. Und wenn der Schüler nicht gelernt hat, von einem Punkte aufterhalb des Kreises die Tangenten an den Kupis zu legen, so wird ihm die Konstruktion der gemeinsamen Tangenten an 2 Kreise immer unverständlich leiben.
Stoff und Kraft stehen also in einem bestimmten Verhältnis. Aber auf die rechte Auswertung dieses Verhält- nisses kommt es eben an. Rezepte gibt es dafür nicht. Die von modernem, fortschrittlichem Geiste getragene Neuordnung des preuftischen höheren Schulwesens macht es deshalb jeder Schule zur vornehmsten Pflicht, ihre besten Kräfte dafür einzusetzen, dafß dieses rechte Verhältnis gefunden und durch die Arbeitsgemeinschaft aller an der Schule tätigen Lehrer ständig vervollkommnet wird. Sie gibt jeder Schule nur die allgemeine, für alle verbindliche Richtung. Diese ist dadurch gekennzeichnet, daft sich in dem YVerhältnis der materiellen zur funktionellen(psychischen) Bildung, oder deutlicher in dem Verhältnis vom Stoff zur Kraft oder vom Wissen zum Können das Hauptgewicht mehr auf das Können verschiebt. Wir werden in Zukunft diejenige Schule als gut zu bezeichnen haben, der es am besten gelingt, diese Verschiebung zum Segen unserer Jugend und unseres Vaterlandes Zukunft sich praktisch auswirken zu lassen.
Am anschaulichsten wirkt wohl auch hier wieder ein Beispiel, das gerade für die Eltern unserer Schule ver- ständlich sein wird. Früher wurde allgemein im Zeichenunterricht in der Hauptsache die materielle Seite be- tont, d. h., man lieft die Schüler vorgelegte Modelle genau kopieren. Heute legen wir auf das genaue Zeichnen auch Wert, noch viel mehr aber auf die„funktionelle Wirkung“, d. h. auf die Entwicklung der psychischen Kräfte, die durch das Zeichnen geschult werden. Sie bestehen vor allem in der Bildung der Beobachtungs- fähigkeit, die viel wertvoller ist, als die Zeichnung Selbst. Deshalb zeichnen unsere Schüler heute nicht mehr nur nach Vorlagen, sondern sehr viel mehr unmittelbar nach der Natur.
Ein im Endziel psychologisch, d. h. auf persönliche geistige Kraftentwicklung eingestellter Unterricht ist wert- voller als ein soldher, der sich in der Hauptsache mit der Vermittlung von Wissen beschäftigt. Was den Schüler, also den werdenden Menschen betrifft, so ist dieser moderne psychologische Unterricht in ganz besonderem Mafe geeignet, die Abneigung der Schüler gegen das nun einmal zum geistigen Wachstum notwendige Wissen zu überwinden. Im Jugendlichen steckt ein starker Trieb nach seelischem Wachstum. Seine Auswirkung wird aber oft durch mangelndes interesse gegenüber dem Stoff verhindert. Wird dessen Vermittlung und Aneig- nung nicht als Hauptzweda, sondern als Mittel zum Zweck, d. h. zur geistigen Bildung dargeboten, so ist in den meisten Fällen das früher fehlende Interesse erwacht und zwar durch die Freude an der geistigen Uebung. Der Schüler fängt an selbständig zu arbeiten, Die Schule ist dann auf dem besten Wege, ihre Schüler für das Leben tüchtig zu machen. Für dieses wird ja das auf der Schule erlernte Wissen in der gebotenen Form nicht immer gebraucht. Die höhere Schule aber ist keine Fachvorbereitungs-, sondern eine allgemein bildende Anstalt. Auch derjenige, der später keine Mathematik, keine Physik, kein Englisch. kein Französisch braucht, muß in diesen Fächern trotzdem genigende Leistungen aufweisen. Das wird für so manchen Schüler unerträglich, zumal er gelegentlich von gebildeten Erwachsenen, die durch die höhere Schule gegangen sind, hört, daft sie von all' dem, was sie z. B. in jahrelanger Arbeit in der Mathematik„gelernt“ haben, nichts mehr. „wissen“.
Hier sind wir am Kernpunkt der ganzen Frage angelangt. Der modernen Schule darf es nicht nur daran gelegen sein, Wissen zu vermitteln, das nach Jahren noch„produktionsfähig“ ist; ihr Endziel muft vielmehr darin bestehen, durch das dargebotene Wissen die Geisteskräfte der Schüler dauernd zu steigern, das materielle Wissen in ständig gesteigertes geistiges Können umzusetzen. Dieses bleibt dann erhalten, wenn auch das„Wissen“ längst verblaſtt ist, weil die funktionelle Wirkung von längerer und stär- kerer Dauer ist, als die blof materielle Wirkung. Deshalb ist dem Können die gröfßtere Bedeutung als dem Wissen beizulegen. Gelingt es uns, dem Schüler den Stoff als Mittel zum Zwed seiner ständig gesteigerten geistigen Ausbildung nahezubringen, so wird die Schulunlust bald aus unsern höheren Schulen verschwinden. Aufterdem zeigt sich als Folge dieses Lehr- und Erzieh ungsgrundsatzes, dafß nicht nur die Freude am Lernen gesteigert wird, sondern daß auch durch die ständig gesteigerten lebendigen geistigen Kräfte neue Stoffe viel leichter erfaßt, neue Gedanken viel schneller begriffen, allgemeine Gesetze immer mehr intuitif erfühlt werden. Von grofter Bedeutung ist die Einstellung einer höheren Schule auf das Können auch für den Lehrer. Wenn dieser ständig nur materielle Bildung vermitteln, also Wissensstoffe ansammeln soll, so mufß sein Inter- esse am Unterricht allmählich erlahmen. Er muft ja beim Aufbau des Wissensstoffes seines Faches immer
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