Nun könnten die einen fragen: schadet es denn der Persönlichkeitserziehung nicht, die von der modernen Schule erstrebt wird, wenn in jedem Schüler die gleiche seelische Verfassung als Grundlage zur Willenserregung herausgebildet wird? Kann sich denn der Einzelne aufgeben, im Wir-Bewusstsein aufgehen und doch noch Persönlichkeit bleiben? Liegt hier nicht eine grosse Gefahr für die„Entwicklung der Indivi- dualität“ vor? Andere wieder können in der Herausbildung des Klassenbewusstseins mit der gleichen geistigen Grundrichtung und Willens- anregung das in der modernen Erziehung allein zu Erstrebende erblicken. Hierbei wirkt zweifel- los das Vorhandensein unverstandener Schlag- worte wie„Individualerziehung“ und„Sozial- erziehung“ stark mit. Der echte Erzieher hat sich weder von der rein individualistischen, noch von der rein sozialen Richtung völlig mit Be- schlag belegen zu lassen. Für ihn steht fest, dass die heranwachsenden Persönlichkeiten die Gesetze und Wirkungsmöglichkeiten des Gesamt- lebens kennen müssen. Bildet er die ihm an- vertrauten jungen Menschen nicht in dieses hinein, so versäumt er heute und in der Zukunft eine wichtige Pflicht. Wer die Gesetze des Gemeinschaftslebens nicht kennt, bei dem liegt eine bedeutsame Seite der Wirkungsmöglichkeit brach. Gerade die Persönlichkeitsbildung ver- langt also, dass wir in der heranwachsenden Jugend die Kräfte für die Wirkung in dieser Richtung frei machen, entfalten und sich betätigen lassen. Dazu ist aber als Voraussetznng das starke Wir-Bewusstsein erforderlich, die Fähig- keit, sich mit einer Gemeinschaft zusammen vorzustellen und dieses vorgestellte Gesamtleben dann auch tätig mitzuleben. Wer die Dinge so sieht, wird begreifen, dass das Einzelwesen durch das Klassenbewusstsein nicht erstickt, sondern im Gegenteil zu selbständigem Handeln angeregt wird. Das aber ist nicht nur die Grund- lage zur Persönlichkeitsbildung, sondern zur sittlichen, zur wahrhaft humanen Men- schenbildung überhaupt. Und diese soll heute jede Schule betreiben.
Von humanistischer Bildung unserer Schüler können wir also solange nicht reden, als der Einzelne nicht gelernt hat, sich im Wir(Gemein- schaftsleben) vorzustellen. Aber das genügt noch nicht. Die Vorstellung des„Wir“ ist noch kein Handeln; das schafft auch das Wollen allein noch nicht. Deshalb muss zur Vorstellung die praktische Uebung kommen, das Han- deln aus dem Wir-Bewusstsein heraus. Hier
28—
liegen für uns Erzieher hohe und schönste Bildungs- und Erziehungsziele, die Gemeinschafts- und Persönlichkeitserziehung umfassen.
Für diese Erziehungsaufgabe können wir die Mittel benutzen, die sich uns bei den Kindern von Natur aus bieten. Der Drang zur Gemein- schaft ist bei der Jugend im allgemeinen als eine Art Naturtrieb vorhanden. Aber die Eltern wissen auch, wie schwer es ist, diesen Natur- trieb zum sittlichen Gemeinschaftswillen zu entwickeln; sie wissen, wie hart es hält, dass der Eigenwille, die Trotzköpfigkeit, das Streben nach Absonderung der Verträglichkeit und dem Zusammenhalten der Geschwister untereinander Platz machen. In der Schule ist es nicht anders. Nicht alle Schüler bringen schon von zu Hause den Willen zur Arbeit, zum gesitteten Betragen mit. Hier wird das Klassenbewusstsein zum unentbehrlichen Hilfsmittel für uns. Es muss so stark werden, dass der Einzelne sich als Vertreter der genzen Klasse fühlt, dass jeder Einzelne seinen Mangel an Fleiss, seine Unordnung, seine Unpünktlichkeit, sein un- gesittetes Verhalten als Schädigung der ganzen Klasse empfindet. In einer Klasse mit starkem Klassenbewusstsein bezieht jeder Schüler den Aufruf des Lehrers: die Klasse muss besser werden! auf sich. Das Gemeinschaftsgefühl reisst ihn zur Mitarbeit fort. Er lernt auf diese Weise schon früh, sich für das Ganze ver- antwortlich zu fühlen.
Was hier für die Klasse gesagt ist, gilt auch für den Geist der ganzen Anstalt. Wir haben hier das Kernstück der modernen Schul- arbeit und den Unterschied zwischen der alten und der neuen Schule. In der alten Schule bestimmte der Lehrer allein durch Drohung und Strafe. In der neuen Schule stützt er sich bei seiner intellektuellen und erziehlichen Bildungs-
arbeit auf die tätige und freiwillige Mitarbeit der Schüler.
Die Bedeutung des Klassenbewusstseins als Hilfsmittel der Erziehung wird weiter ersichtlich, wenn wir bedenken, dass sich die Vorstellung „Gemeinschaft“ nicht bei allen Schülern gleich- mässig entwickelt. Das hat seinen Grund in der Verschiedenartigkeit der seelischen Anlagen (Passivität, Aktivität). Bei den passiven Naturen würde sich das Gemeinschaftsbewusstsein ohne Mithilfe der Klasse nur schwer oder überhaupt nicht entwickeln. Unter der Einwirkung des Wir-Bewusstseins werden sie aber mitgerissen; sie lernen, aus sich herauszugehen. Umgekehrt


