So glauben wir der Ausbildung unserer Schülerinnen mit der neuen Schulform, die ja auch die brüderliche Wusterschule angenommen hat, aufs beste zu dienen. Freilich wird in den reform- realgymnasialen Klassen von vornherein ernsthaft gearbeitet werden müssen; aber in dieser frühzeitigen ernsten, sachlichen Arbeit, die trotzdem mit fröhlichem Geiste getan werden soll, liegt ein großer Segen gerade für unsre heranwachsende weibliche Jugend. Sie stählt den Wil- len, führt zu einem gesunden Leistungsgefühl und lenkt die Blicke auf die großen Ziele der Menschheit.
Zur Aufnahme in Sexta für Ostern 1929 hatten sich 118(!) Schülerinnen gemeldet; wir sehen darin einen Beweis des Vertrauens, das die Elternschaft unsrer Schule entgegenbringt. Die Aufnahmeprüfung fand am 20. März unter Mitwirkung von Herrn Hartmann von der be-— freundeten Schwarzburg-Reformschule, Frl. Oberschullehrerin Knörk und Herrn Lyzealober- lehrer Erisch unter dem Yorsitz des Schulleiters statt. Diesmal konnten wir alle von den Grund- schulen als zweifellos befähigt bezeichneten Schülerinnen von der Prüfung befreien. Die soge- nannten„Hochbegabten“, die die Regierungen schon nach dreijährigem Grundschulbesuch zur Prüfung zulassen, durften von der Aufnahmeprüfung natürlich nicht befreit werden, wenn sie nicht die 3. Grundschulklasse übersprungen haben; es waren dies in unserm Falle vier.
Herr Fraikin, der städtische französische Lektor, hielt mit jeder Klasse durchschnittlich zwei- mal Sprechübungen in seiner Muttersprache ab; das ist nicht viel. Einen englischen Lektor hat die Stadt leider nach dem Kriege immer noch nicht wieder berufen, obwohl dies— gerade bei einer großen Handelsstadt— eine erstaunliche Versäumnis darstellt. Die Schule selbst würde gerne neusprachliche Sprechlehrgänge von sich aus einrichten, kann es aber nur, wenn die Elternschaft bereit ist, die Kosten zu übernehmen.
Am 27. Oktober 1928 besichtigte Herr Prof. Michel von der staatlichen Kunstakademie in Kas- sel den Zeichenunterricht. Wie bei der vorjährigen Besichtigung des Nadelarbeitsunterrichts durch Frau Mundorff, mußten wir auch jetzt leider wieder hören, welche großen Mittel andere Städte dem Ausbau des Unterrichts zur Verfügung stellen.
Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten besteht an der Elisabethenschule Selbstverwaltun g der Schülerinnen. Jede Klasse wählt ihre Vertrauensschülerinnen selbst. Die Schülerinnen der Oberklassen übernehmen die Aufsicht im Schulhause. Im Herbst 1926 führten wir das„Präfek- tensystem“ bei uns ein; jeder Klasse von VI— O IIl wurden zwei Primanerinnen als Klassenfreun- dinnen zugeteilt. Die Untersekundanerinnen übernahmen die Führung und Beaufsichtigung der Grundschulklassen der Holzhausenschule.
Die vorgeschriebenen Monatswanderungen konnten wir im allgemeinen durchführen. Auch eine Reihe mehrtägiger Wanderungen wurden unternommen. Aus den drei Untertertien bildeten wir zwei Abteilungen, die vom 285. April bis zum 22. Mai mit Frl. Studienrätin Blencke und Frl. Werthmann auf die Wegscheide gingen, während die übrigen Schülerinnen zu einer besonderen Klasse vereinigt wurden. Der Besuch der Wegscheide im unmittelbaren An- schluß an die Osterferien bietet den großen Vorteil, daß das neue Schuljahr nicht noch einmal lange Zeit unterbrochen wird, was den neu einsetzenden Fächern(Englisch und Physik) zugute kommt. Die Wegscheide ist auch in diesem Jahre den Schülerinnen viel gewesen. Sämtliche Klassen(mit Ausnahme der Oberprimen und der Sexten) waren mehrere Tage in dem Landheim Schloß ldstein im Taunus.
Unsere stattliche Schulgruppe des Vereins fürdas Deutschtum im Auslande hat es auch im Schuljahre 1928/29 vermocht, unsere Schülerinnen für die Gedanken des V. D. A. zu begeistern. Neben der geldlichen Unterstützung des großen Hilfswerks des V. D. A. für das be- drohte Deutschtum in der Welt bemühten wir uns mit Erfolg, die Kenntnis vom Wesen und Wert des Deutschtums im Grenz- und Ausland bei der Jugend zu verbreiten und das Bewußtsein der kuſturellen Zusammengehörigkeit aller Deutschen zu stärken. In Wahrung einer strengen religiösen und politischen Ueberparteilichkeit bestrebten wir uns, durch die Pflege der Volks- gemeinschaft und der friedlichen Kulturhilfe der Jugend neue ldeale zu geben.
26 Schülerinnen der Oberklassen sowie 8 der an Ostern entlassenen Abiturientinnen beteiligten sich unter der Führung mehrerer Mitglieder des Lehrkörpers an der großen Pfingsttagung des V. D. A. in Gmunden am Traunsee. Im Anschluß an diese erhebenden Tage wan- derte eine der drei Gruppen nach der Besichtigung von Gastein in die Hohen Tauern und erlebte in 2000 m Höhe prächtige Frühlingstage inmitten der mit Neuschnee bedeckten Berge. Den Abschluß dieser Wanderfahrt bildeten eine Rundfahrt auf dem Zeller See und ein unvergeßlicher Rundblick von der Schmittenhöhe(2000 m). Die beiden anderen Gruppen wanderten durch das Salzkammergut und die Umgegend von Reichenhallund Berchtes- gaden. Schließlich besichtigen sie Salzburg und verlebten dort gemeinsam mit den übrigen Frankfurter V. D. A.-Gruppen fröhliche Abschiedsstunden.
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