denken auch ein sichtbares Mal zu bieten; an der Seite des Bildes ihres vorangegangenen Gemahls soll ihr Bildnis in der Aula der Elisabethenschule seinen dauerndeu Platz finden, um auch den nachfolgenden Generationen uunserer Schüleriunen den Ernst und die Hoheit echter Frauentugend zu verkündigen.
Zweimal hat der Tod auch an unserer Thüre den Einlaß begehrt.
Das erste Mal forderte er ein reichgesegnetes Menschenleben zurück. Sonntag, den 19. Januar, starb der frühere Leiter unserer Schule, Herr Direktor Dr. Heinrich Weismann; Mittwoch, den 22, Januar, wurde er zum Grabe geleitet. Wer deu unabsehbaren Zug der Mit- folgenden überblickte, dem mußte wohl ein Verständnis sich erschließen für die außerordent- lichen Verzweigungen, mit welchen die Thätigkeit dieses hervorragenden Mannes in dem öffent- lichen Leben unserer Stadt gewurzelt hatte. Was er der Elisabethenschule gewesen war, hat schon unser Jabresbericht von 1882(S. 9.) in Worte zu fassen gesucht. Die Kollegen, welche fast sämtlich einen langjährigen Freund in dem Entschlafenen betrauerten, standen an seinem Grabe mit der herben Empfindung, daß eine der mächtigsten Stützen des deutschen Mädchen- schulwesens dahingesunken sei, aber auch mit dem tröstenden Gefühle, daß ein solches vollaus- gelebtes Menschenleben durch den Tod nicht hinweggetilgt werden könne, sondern aufgerichtet bleibe als ein Bild, welchem auch die Nachwelt noch Ehrfurcht und Dankbarkeit darzubriugen schuldig ist. Die Worte, welche der Unterzeichnete als Amtsnachfolger des Verstorbenen und jetziger Vertreter der Elisabethenschule am Grabe des Dahingeschiedenen seinem Andenken widmete, waren von dieser Empfindung getragen und mögen darum auch an dieser Stelle wiederholt werden.
»So schmal ist die Grenze, welche Zeit und Ewigkeit scheidet!
Ungezühlte Male haben wir schon den traurigen Weg auf diese Höhe zurückgelegt, um der Pflicht der Pietät zu genügen; mit tausend widerstreitenden Empfindungen sind wir an den Grabesrand getreten und haben in die dunkle Tiefe hinabgeblickt— aber immer durch- zitterte unsere Seele derselbe Grundton:
So schmal ist die Grenze, welche Zeit und Ewigkeit scheidet!
Nun sind wir wiederum hierhergekommen, um der Erde zu übergeben, was der Erde ge- hört. Ein ausgereiftes Menschen-Dasein hat hier seine ewige Rube gefunden; ein arbeitsvolles, kampferfülltes Menschenleben hat hier seinen letzten Sieg, und damit seinen Frieden erstritten; die Zeit hat es durchmessen, einen langen Weg, welcher tausendmal am Rande des Grabes dicht vorüberzog, aber jedesmal führte sein Schritt ihn wieder zurück in die Welt des Streitens und Ringens. Nun steht der Verblichene an der Schwelle der Ewigkeit, am Rechenschaft ab- zulegen über sein reichgesegnetes Tagewerk!
Und wir, seine Kollegen und Mitarbeiter, sind an seine Bahre getreten als Zeugen seines feeißigen, pflichtbewußtten Wirkens. Ein halbes Jahrhundert ist es her, seit er seine rüstige Kraft in den Dienst der Schule stellte; mehr als vier Jahrzehnte hat er deren Gedeihen auf seinen starken Schultern getragen; Tausende und Zehntausende von Schülerinnen haben unter dem Einflusse seines Geistes gestanden; die Großmütter führten ihre Enkelkinder an die Stätte, wo sie selbst, von jugendlicher Begeisterung erfüllt, gesessen hatten. Siebenunddreißig Jahre lang hat er dem Kollegium als Lehrer angehört; dann war es ihm vergönnt, die Schule in ihr neues Haus hinüber- zuführen und sie in ihren neuen Bahnen noch fünf Jahre lang auf die richtigen Wege zu leiten.


