Jahrgang 
1890
Einzelbild herunterladen

28

Unter den Vertretern des deutschen Mädchenschulwesens war sein Name hochgeachtet, hochgeehrt in deutscher Wissenschaft und Kunst.

Und als er nach vollbrachtem reichen Tagewerke sich zurückzog, um die wohlverdiente Ruhe zu genießen, da war ihm noch ein schöner Lebensabend beschieden. Voll Interesse für das geistige Leben auf allen Gebieten, voll warmer Liebe zu seinem geeinten und in der Einig- keit erstarkten deutschen Vaterlande wurde er nicht müde zu forschen und zu sammeln; bis in seine letzten Tage hat er sich beteiligt an der Sorge um die Zukunft bis der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm und seinem Wirken Einhalt gebot!

Fürwahr ein reiches Leben, dessen Weg dahinführte über sonnenbeschienene Höhen, aber auch durch dunkele Thäler; so hat er das Ziel seiner Sehnsucht erreicht!

Nun steht er am Thore!

Mit scharfem Schnitte schneidet die Sichel sowohl das junge Grün, wie das ausgereifte Korn, daß es gesammelt werde in die Scheunen; immer ist es dieselbe ÜUnerbittlichkeit, unter welcher das Leben dahinsinkt; mit dem immer gleichen Ernste stellt uns die Thatsache vor die nie ausgelernte Erkenntnis: so schmal ist also die Grenze, welche Zeit und Ewigkeit scheidet!

Erschrecken müßten wir, würden wir nicht wiederum von der Uberzeugung getröstet, daß es doch immer das ewige väterliche Erbarmen ist, welches die Kinder heimruft, wenn es an der Zeit ist, nach Kampf und Streit sie da zu versammeln, wo kein Leid und Geschrei mehr sein wird!

So bist auch Du dahingegangen! Auch Dir werden wir auf den Leichenstein schreiben: »Dieser ist ein Mensch gewesen, und das heißt ein Kämpfer sein.« Aber herrlicher als Stein und Erz ist das Denkmal der Dankbarkeit, aufgerichtet in den Herzen der Tausende, welche Du zum Lichte der Wahrheit geführt hast. Unter den Trauernden steht auch die Elisabethenschule; sie wird nie vergessen, was sie ibhrem ehemaligen Lehrer und Leiter verdankt und-was sie seinem Gedächtnisse schuldig ist!

Sein Andenken sei und bleibe gesegnet!«

Fast zu gleicher Stunde da wir an diesem Grabe einen trauervollen Abschied hielten, griff der unerbittliche Tod abermals in unseren Kreis, um ein blühendes junges Menschenleben als Opfer zu fordern. Am 22. Januar starb die Schülerin unserer Ia Klasse Rosa Schwarz an den Folgen der Influenza. Wenige Tage zuvor war das scheinbar genesene Mädchen voller Freude in der Schule gewesen, um den Freundinnen die baldige Rückkehr anzukündigen; statt ihrer kam die erschütternde Nachricht ihres ungeahnten Todes! Ein blühendes, an Leib und Seele reich gesegnetes hoffnungsfröhliches Kind war an der Grenze der holden Jungfräulichkeit im Sturme gestört; lange Zeit wollte sich die Klage nicht stillen; den Schmerz der Eltern, denen die einzige Tochter genommen wurde, vermag nur der zu ermessen, welcher seinem eigenen Fleisch und Blut in das Grab nachgeblickt hat. Gott wolle ihnen den rechten reichen Trost schenken!

Der Gesundheitszustand war sowohl innerhalb des Lehrerkollegiums, wie unter den. Schülerinnen ein recht günstiger bis zu Weihnachten; da wurden auch wir von der Influenza stark heimgesucht; und wenn auch, verglichen mit dem auderwärts so verheerenden Auftreten dieser tückischen Krankheit, wir noch glimpflich davonkamen, so waren dennoch die Störungen immerhin recht erhebliche; namentlich konnten sich die jüngeren Schülerinnen, welche heftiger