Die Erkenntnis der Verirrung, verbunden mit der maßvollen Vergleichung der eigenen Leistung mit fremdem Verdienste zeitigt die Bescheidenheit, die sich selbst nie genug gethan hat. Trübt sich dagegen die Reinheit dieser ersten Grundlage, so erscheint die Dreistigkeit in ihrer häßlichen Gestalt, und keine Furcht wird imstande sein, sie in ihre Grenzen zu bannen.
In gleicher Weise müssen wir in der Ehrenhaftigkeit die Quelle erblicken, welcher die Achtung vor der sittlichen Berechtigung anderer entfließt. Ihre Kußerung ist die Höflichkeit, die Anerkennung des Guten, welches in dem anderen Gestalt gewonnen hat. Niemand kann aber an dem anderen etwas schätzen, was er nicht selbst in einem gewissen Grade schon besitzt; den Künstler versteht nur derjenige, welcher selbst in der Kunst die ersten Schritte zurückge- legt hat; nur ihm erschließt sich die volle Freude des Genusses. So soll auch die Jugend das Gefühl der Verwandtschaft gewinnen mit allen Gleichdenkenden und Gleichstrebenden, und ihr Ehrgefühl soll sich auflösen in die Freude an dem Wachstum der eigenen Sittlichkeit.
Das ist der einzige, und darum geradeste Weg, wie wir das sittliche Urteil erziehen!
In diesem letzten Endziele muß jede gesunde Erziehung ihr Grundprinzip erkennen. Ganz besonders aber ist dessen Anerkennung gerade der Mädchenschule unerläßlich. In dem Maßse der weiblichen Psyche die Neigung nach einer Schärfung des Intellekts versagt ist, hat sie die Mutter Natur dafür um so reicher ausgestattet mit der Lebendigkeit des sympathischen Gefühles, welche sie zu allem Reinen hinzieht. Diese Untrüglichkeit der Empfindung kann nicht treffender bezeichnet werden, als mit dem Worte»Liebe«; und nun verstehen wir seinem vollen Sinne nach das Schiller'sche Urteil:»Wo es nicht liebt, hat schon gerichtet das Weib!«
Groß bleiben bei alledem die Gefahren, welche der Erziehung gerade der Mädchen im Wege stehen; mehr als die männliche Jugend sind sie der Eitelkeit, Schmeichelei, Hoffart und Selbstüberschätzung ausgesetzt. Darum haben sie einen in manchem Sinne besonders schweren Weg zu gehen, bis sie zu der Selbsterkenntnis gekommen sind und ihre Schritte den festen Boden der Wahrhaftigkeit betreten haben.
Um so größer, aber auch um so lohnender ist die Aufgabe der Schule, ihre Zöglinge zu dieser sittlichen Freiheit hinzuführen, welche wir als den edelsten Kern aller Weiblichkeit zu preisen nicht aufhören. Je schwerer es dem Manne gemacht wird, auf seinem vielfach gewundenen Pfade, welchen er zwischen Gegensätzen hindurch sich suchen muß, seine Ehrenhaftigkeit von jedem Makel rein zu bewahren, um so mehr möchten wir die Frauen beneiden, daß es in ihre Ent- scheidung gestellt ist, solche Konflikte zu vermeiden und damit den Gefahren, welche ihrer Wahrhaftigkeit drohen, aus dem Wege zu gehen. Nun verstehen wir die Angst des Zwiespalts und begreifen, weshalb der Dichter gerade dem vollendetsten und reinsten Frauenbilde die Worte in den Mund legt:
O weh der Lüge! Sie befreiet nicht,
wie jedes andre, wahrgesproch'ne Wort,
die Brust! sie macht uns nicht getrost, sie ängstet den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt, ein losgedrückter Pfeil, von einem Gotte
gewendet und versagend, sich zurück
und trifft den Schützen.
Elisabethenschule 1887. 3


