Jahrgang 
1887
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produkt beurteilt; jeder praktische Schulmann weiß aus Erfahrung, wie scharf die einzelnen Klassen sich voneinander unterscheiden. Die ganze Klasse erhält wohl auch ein gemeinsames Lob, viel- leicht noch öfter eine gemeinsame Ermahnung; sie wird schon frühe gemeinsam verantwortlich gemacht für ihren guten Ruf, für die Ordnung des Klassenzimmers, für die sorgsame Behandlung ihrer Unterrichtsmittel. Dieser Anruf ihres Gemeingeistes erzielt bald ein scharf ausgeprägtes Gemeingefühl, sowohl im Guten, wie im Schlimmen; die einzelne Schülerin verliert einen Teil ihrer Selbständigkeit; die Klassenzusammengehörigkeit wirkt auf sie in bemerkbarer Weise zurück, bald anfeuernd, bald zurückhaltend; jedes Hervordrängen oder Anschmeicheln wird verspottet und verfolgt; jeder falsche Schein oder Gleißnerei wird unter gesunden Verhältnissen von den Genos- sinnen unbarmherzig bloßgestellt. So erzieht sich ein Klassengeist und gewinnt für die einzelne Schülerin eine große erziehende Gewalt; diesen Geist zu einem guten zu erziehen ist die oberste Pflicht des Klassenlehrers; in seine Hand ist so viel gelegt, daß er für die Haltung und die sittliche Entwickelung in erster Linie die Verantwortlichkeit trägt. Darum erfordert sein Amt ein scharfes Auge und eine eigene große Selbstbeherschung; seine Wachsamkeit darf sich nicht täuschen lassen, denn die Gefahren einer Verirrung sind auch in der bestgezogenen Klasse keinen Augenblick ausgeschlossen. Schlimm ist es, wenn die bösen Elemente die Macht gewinnen, die redlich denkende, aber in ihrem Wollen noch schwache Mehrheit zu meistern; schlimmer ist es, wenn unter solchen Einflüssen die ganze Klasse zusammenhält, um eine Unwahrheit oder Unred- lichkeit zu verdecken; am schlimmsten aber wird es, wenn in eine Klasse sich verderbliche Neig- ungen einschleichen, welche in ihrer Lichtscheu ansteckend wirken und die lügenhafte Verschlos- senheit groß ziehen. Das sind schwere Stunden, wenn solche Entdeckungen dem getreuen Lehrer ein Heer von Sorgen zuführen; hier fühlt er den vollen Umfang seiner Verantwortung und zu- gleich die ganze Größe seiner Schwachheit. Und doch müssen auch solche Krisen im Schulleben überwunden werden; die Wahrheit muß siegen, auch wenn sie noch so bitter ist; den Kindern muß die Befreiung gebracht werden, daß sie die Unwahrheit als einen Riß zwischen sich und dem Lehrer, als eine Last fühlen, die sie schwer bedrückt. Gottlob ist in der Jugend die Macht der Wahrhaftigkeit jederzeit so groß, daß sie die lügenhafte Rolle nicht beharrlich zu spielen vermag; es kann nicht ausbleiben, daß der eindringliche Ernst des Lehrers der Wahrheit doch auf die Spur kommt und den Urheber der Lüge entlarvt. Dann ist das Eisen heiß, um es zu schmieden; dann sollen die Schule wie der einzelne Lehrer den ganzen Nachdruck ihres sittlichen Einflusses beweisen und bethätigen, um zurecht zu rücken, was sich verschoben hatte, und zu befestigen, was ins Wanken gerathen war.

Es stände aber bedenklich, wenn nur solche Katastrophen der Schule Gelegenheit böten, auf die Erstarkung des sittlichen Urteils bei der Jugend zu wirken. In den Kreisen der Fach- genossen herrscht darüber die einmütige UÜberzeugung, daß es keinem Unterrichtsfache unsere Schule seiner Natur nach ganz versagt ist, auf die sittliche Größe der Wahrhaftigkeit hinzuweisen. Allem anderen voran stehen hierin die sogenannten ethischen Fächer, Religion, Deutsch und Geschichte, auf welche gerade die Mädchenschule ihre erziehende Thätigkeit vorzugsweise auferbaut; ihnen zuvörderst fällt die Aufgabe zu den Nachweis zu führen, daß bleibenden und unvergänglichen Bestand nur diejenigen Ideen gefunden haben, welche auf Wahrheit gegründet sind; hier muß es sich bewähren, daß wenn irgend eine Instanz der heutigen Gesittung, so gerade die Schule be- rufen ist, die heranwachsende Jugend vor dem verderblichen Einwurzeln des modischen Pessimis- mus zu behüten.