Jahrgang 
1887
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die Kinder verleiten, wenn wir die ewige göttliche Wahrheit der christlichen Heilsthatsache in eine symbolische Form kleiden, welche unseren Kindern verständlich ist und ihnen eine Vorahnung der Freude bereitet, welche sie später als erwachsene Christen genießen sollen. Freilich muß zunächst für uns selbst diese Wahrheit eine Thatsache sein. Eine weitere Frage ist jedoch die, wie lange wir die Kinder in dieser bildlichen Vorstellung verharren lassen sollen, resp. dürfen. Es wird nicht lange dauern, so werden sie das Geheimnis der Christbescherung ahnen; hier würde eine irrige oder mißverstandene Pietät sie länger im Dunkel lassen wollen; das bescherende Christkind, welches den Weihnachtsbaum bringt, wird bald dem wirklichen Christus weichen müssen, dessen Fest wir ja gerade an diesem Tage feiern, und dem Verständnisse dafür, daß wir seiner Erscheinung das Geschenk der christlichen Freiheit verdanken.

Von dieser Seite droht also der Wahrhaftigkeit unserer Kinder keine Gefahr, wohl aber tausend andere und grötzere an den übrigen 364 Tagen des Jahres.

Es dauert nicht lange, so entgeht den Kindern kein Wort mehr von dem, was in ihrem Beisein von den Erwachsenen rückhaltlos ausgetauscht wird. Auch in dem bestgeordneten Familien- kreise wird es nicht immer verhütet werden können, daß gelegentlich Dinge in Gegenwart der Kinder besprochen werden, welche für deren Ohr nicht bestimmt sind. Es wird auch nicht aus bleiben, daß sie erfahnren, wie der Lauf der Welt der Wahrheit nicht immer die Ehre giebt; daß Doppelzüngigkeit und Lüge die Schlingen sind, in welche der Futs eines redlich denkenden Menschen mit einem ehrlichen Gewissen gar zu leicht verstrickt wird. Wie aber, wenn solche Erfahrungen ihnen durch die Kußerungen aus dem Munde ihrer Umgebung bestätigt werden? Wo soll ihr Ver- trauen fortan Nahrung finden?

Nicht geringer anzuschlagen sind die Gefahren, welche aus der Unvorsichtigkeit entstehen, daß die Kinder tagelang den zweifelhaften Einflüssen der Dienstboten überlassen bleiben. Es braucht nicht Regel zu sein, immerhin ist die Wahrscheinlichkeit überwiegend, daß sie hier Dinge zu hören bekommen, welche nur schädigend auf sie einwirken können. Schon die Bemerkungen über die Eltern werden nicht immer geeignet sein, die kindliche Pietät zu heben; ohne Rückhalt werden sie in die Tagesneuigkeiten eingeweiht; nicht lange wird es dauern, so greifen sie selbst zu den Lokalblättern und lesen mit Behagen die dort berichteten Begebnisse, welche zumeist der Nachtseite des Lebens angehören; nicht ausgeschlossen bleiben die gefährlichen Bücher in gold- gepreßten Einbänden.

So bekommen die Kinder leider allzufrüh einen Einblick in die sittlichen Schäden der menschlichen Gesellschaft; sie sehen sich vor Geheimnisse gestellt, welche das Elternhaus ihnen sorgsam zu verbergen sucht; das Geheimnisvolle reizt nicht nur, den Schleier zu lüften, sondern lockt um so mehr an, als es die Phantasie mit Bildern füllt, welchen der sittlich ungereifte Wille noch keinen kategorischen Imperativ entgegenzustellen vermag.

Hier richtet sich eine Scheidewand auf zwischen dem Kinde und seinen Eltern. Es hat Einblicke gewonnen und Erfahrungen gesammelt, von denen es instinktiv begreift, daß es sie vor seinen Eltern verbergen muß, zu denen es sich nicht bekennen darf, ohne zu erröten. Wehe ihm, wenn die Eltern sich durch den Schein der Unbefangenheit täuschen lassen; es. kann nicht ausbleiben, daß einmal diese Decke zerreißt und die Eltern erschrecken müssen, wenn sie den Seelenzustand ihres Kindes erkennen; schlimmer aber noch, wenn sie diese Entfremdung dadurch zu einer dauernden machen, daß sie das Vertrauen zu dem Kinde in Bitterkeit verwandeln