Jahrgang 
1887
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12 beabsichtigten Seite geradezu verderblich: die Zuverlässigkeit des elterlichen Worts wird in Frage gestellt, wird erschüttert.

Nicht weniger bedenklich ist der Einfluß des spielenden Verkehrs, wenn die Erwachsenen die Kinder aus ihrer Sphäre herausheben und mit ihnen in Scherz oder Ernst oder einer Mischung von beidem reden, als ob sie das Unterscheidungsvermögen eines gereifteren Alters schon besäßen. Wir machen sie»etwas weiß«; wir necken sie und belustigen uns über ihre Naivetät oder ihre Entrüstung; aber wir bedenken nicht, was wir antasten. Das Kind versteht unsere gewiß harm- lose neckische Absicht nicht; das Kind soll von Neckerei noch nichts verstehen; es nimmt für bare Münze, was ihm aus dem Munde der Erwachsenen geboten wird, und zwar um so lieber, je reiner es noch ist; nun muß es hinterher erfahren, daß es getäuscht werden sollte. Wird es in einem anderen Falle unterlassen, auch da zu zweifeln, wo ihm die ernsteste Wahrheit geboten werden soll?

Uber solche Mißgriffe werden sich verständige Erzieher bald geeinigt haben. Aber bald betreten wir ein Grenzgebiet, auf welchem sich scheinbar mit Recht stärkere Bedenken geltend machen. Ohne besondere Gewissensregung geben wir unseren Kindern Märchensammlungen in die Hand, oder was vielleicht schlimmer ist, Kindergeschichten, welche nicht immer von berufenen Autoren für gewisse Stufen des Kindesalters erfunden worden sind. Gewiß lesen die Kinder diese Geschichten gerne oder lassen sich dieselben erzählen. Aber wir müssen auf die unbequeme Frage gefaßzt sein: ist die Geschichte auch wahr? und zwar haben wir diese Frage zu respektieren als eine ehrliche Reaktion des Wahrheitsbedürfnisses; da ist schon mancher gewissenhafte Erzieher mit seiner Antwort ins Gedränge geraten. Das Kind versteht sich nicht auf Winkelzüge und be- dingte Zugeständnisse; es begehrt ein blankes Ja oder Nein! Wir müssen es unterlassen, für diesen Fall ein Rezept zu geben.

Weit dringlicher noch, als solche Verlegenheiten, sind die Einführungen der Kinder in dasjenige Gebiet, auf welchem die ungeschminkteste Wahrhaftigkeit herrschen soll und muß, in das Gebiet der religiösen Anschauungen. Das Kind ist ein geborener Supranaturalist; Gottes Macht, wie Gottes Liebe faßzt es gleich lebendig auf; es erregt ihm gar kein Bedenken, daß Gott vom Himmel herab alles sieht bis in die geheimsten Gedanken, und daß er jedem seiner Ge- schöpfe täglich und stündlich sein Tischlein deckt; die kindlichen Fragen und Einwürfe, welche einen Zweifel zu verraten scheinen, sind nichts Anderes als Kußerungen der Wißbegierde, welche sogar über die Grenzen des Begreifbaren dringen möchte. Und doch erwecken und nähren wir in unseren Kindern den Glauben, daß das Christkind persönlich vom Himmel herabsteige, um uns die Weihnachtsfreuden zu bereiten? begehen wir damit nicht eine wissentliche Täuschung, die gar bald sich rächen muß?

Diese Frage ist allerdings geeignet, unseren ganzen pädagogischen Takt herauszufordern. Denn hier muß unterschieden werden, zwischen dem Kern einer religiösen Wahrheit und der Form, welche dieselbe der kindlichen Phantasie und dem kindlichen Verständnisse nahe zu bringen vermag. Die religiöse Wahrheit an sich ist und bleibt unberührt; in kindlichem Sinne empfangen wir die grotzen Gaben, welche uns von Christo dargeboten werden als Geschenke; wir sollen die- selben mit Freude und Dank annehmen als unverdiente Wohlthaten. Auch den Kindern bietet der heilige Christ Gaben, welche ihnen unmittelbar aus dem Himmel durch denselben überbracht werden. Licht ist das Lebenselement, das den Himmel füllt; in Lichtglanz getaucht ist die Stunde, in welcher der heilige Christ den Kindern naht. Darum ist es keine Täuschung, zu welcher wir