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liche Urteil seine Nahrung empfängt aus seinen Hauptwurzeln, der Wahrhaftigkeit und der Ehren- haftigkeit; diese sind nicht einmal getrennt zu denken, sondern sind im tiefsten Grunde zusammen- gewachsen, bilden ein untrennbar Einziges, für welches wir einen gemeinsamen Namen nicht haben. Damit berühren wir zugleich das schwierigste Kapitel der ganzen Erziehungskunst; nir- gends werden größere Unterlassungssünden begangen, nirgends größere Mißgriffe gemacht. Kein Vater, keine Mutter wird uns die Zustimmung versagen, daß die Pflege der Wahrhaftigkeit jedem Erzieher zur heiligsten Pflicht gemacht werden müsse. Die Schule wird sich dieser Verantwortung nicht durch die Entschuldigung entziehen dürfen, daß die Familie und ihre Einwirkung schon viel an dem Kinde während seiner ersten Lebensjahre verdorben hat, und daß auch neben der Schul- erziehung her die Unachtsamkeit der häuslichen Umgebung die sittlichen Gefahren für das Kind fortwuchern läßt.
Aber nun bringt uns die weitere Doppel-Frage ins Gedränge: Was sollen wir denn dem kleinen Kinde als Wahrheit bieten? Wo fängt in ihm die Lüge an?
Es hat eine Zeit gegeben, wo es als ein Dogma feststand, daß die Neigung zur Lüge dem Kinde angeboren sei; der Keim des Bösen wohne der Menschenseele von Natur inne und müsse auf dem Wege des Zwangs aus derselben entfernt werden. Gesetzt, diese Annahme sei unzweifelhaft erwiesen, so würde uns damit die Pflicht der Erziehung ebensowenig erleichtert, wie uns die Verantwortlichkeit im Falle des Mißllingens abgenommen würde. Die Psychologie als Wissenschaft neigt jedoch in unserer Zeit mehr dazu, jener Auffassung mit Nachdruck zu wider- sprechen; folgen wir ihr und nehmen an, daß die Kindesseele von Natur rein und wahrhaftig sei, so wird unsere Neigung zum Kinde nur gewinnen können. Aus der Erfahrung wissen wir, dalz das Kind, so lange es von unedlen Einflüssen unberührt geblieben ist, keinen Schein und keine Heuchelei kennt; es ist vielmehr geneigt, sein Vertrauen zu schenken ohne Maß— da, wo ihm wahre Liebe entgegenkommt; es ist vertrauensvoll, weil es wahrhaftig ist; aber es erwartet auch Vertrauen, welches mit voller Offenheit und Wahrhaftigkeit ihm naht. Wo könnte ihm dieses liebevolle Vertrauen reiner und reicher entgegengebracht werden, als von seinen Eltern und Ge- schwistern?
Dieser ungetrübte Zustand bleibt erfahrungsgemäß leider nicht lange bestehen. Je reiner der Spiegel ist, um so leichter wird er auch von dem leisesten Hauche getrübt.
Schon allzubald fängt das Kind an zu beobachten, unbewußzt zu vergleichen und seine Eindrücke in einen Zusammenhang zu bringen. Dieser erste Aufschluß des geistigen Lebensprozesses beginnt so früh, daß er seine entscheidenden Stufen vielfach schon durchlaufen hat, bevor wir auf ihn aufmerksam werden; nach der volksthümlichen Ausdrucksweise hat das Kind diese erste geistige Nahrung mit der Muttermilch empfangen.
Jetzt wird es für zeitgemäß erachtet, die ersten Erziehungsversuche dem Kinde angedeihen zu lassen. Seine ungestümen Begehrungen, deren Heftigkeit vielleicht gar schon der Eigensinn streift, müssen in Schranken verwiesen werden. Der mütterlichen Milde entspricht als Beschwich- tigungsmittel am meisten ein vertröstendes Versprechen; man rechnet auf das kurze Gedächtnis des Kindes; das Versprechen wird nicht gehalten. Die väterliche Strenge kleidet sich in den Ernst. einer Drohung; schon die Furcht soll wirken; die Drohung wird also nicht ausgeführt. Aber wie bald hat das Kind begriffen, daß Versprechen wie Drohung nicht ernst gemeint waren; müssen wir uns nicht beschämt fühlen, wenn uns der naive Kindermund offenherzig erwidert:»du thust es doch nicht!« Die Wirkung ist also verfehlt; das Mittel wirkt aber nach einer anderen, nicht,


