0. welches in den Kinderjahren nicht scharf beaufsichtigt ist; die Schäden verstecken sich binter der allgemeinen Liebenswürdigkeit und Anschmiegsamkeit; aber sie sind da und kommen früher oder später zweifellos zum Vorschein.
Hier an dieser Stelle setzen wir mit unserer Arbeit ein. Hier bedürfen wir noch keines Lehrplanes, noch keiner staatlichen Organisation, wohl aber bewährter, zuverlässiger Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Auch hier begegnet uns das landläufige Urteil, daß der Unterricht an der Mädchenschule schwieriger sei, als an der Knabenschule; beides richtig und falsch, je nach der Persönlichkeit, welche in Betracht kommt. Das reichste und klarste Wissen läßt als solches den Lehrer hülflos in einer Mädchenklasse; wer nicht sich der Herrschaft über jedes Wort, jede Be- wegung sicher weiß, der bleibe der Mädchenschule fern; jeder Verstoß gegen die gesellschaft- liche Sitte, jede anstößige Angewöhnung machen ihn in kürzester Zeit unmöglich; wie viel schlimmer aber, wenn er in der Art seines eigenen sittlichen Urteils Schwächen verrät, welche seine Achtung schädigen und in den Augen der Schülerinnen ihn herabsetzen; dann wird aus einem berufenen Mitarbeiter ein Störer unserer Arbeit; und ist einmal seine Beziehung zur Jugend verfahren, so bringt in Ewigkeit keine Macht mehr einen Ausgleich zuwege. Darum sollte bei der Zusammen- setzung der Lehrerkollegien an Mädchenschulen mit doppelter und dreifacher Vorsicht zu Werke gegangen werden; nicht die große Wissenschaft darf entscheiden, sondern weitaus in erster Linie die gereifte und geläuterte Persönlichkeit, welche mit der Uberlegenheit der sittlich-bestimmten Lebenserfahrung, wie der taktvollen Beherrschung der feinen gesellschaftlichen Formen die Mäd- chen so überragt, daß die Kinder von der ersten Minute sowohl von scheuer Zurückhaltung erfüllt, wie von magischer Gewalt angezogen werden. Das sind die berufenen Mädchenlehrer, die uns so not thun.
Aber auch unter der besten Leitung wird es uns nicht gelingen, die Grundbeanlagung der weiblichen Natur soweit umzustimmen, daß sie es über sich vermöchte, die Herrschaft des jeweiligen Rechtszustandes einfach anzuerkennen. Sie wird in jedem einzelnen gegebenen Falle Protest erheben, sobald ihre eigene sittliche Empfindung mit dem formulierten Rechte in Kolli- sion gerät; hier würde sich auch das Haupthindernis ergeben, welches es dem weiblichen Ge- schlechte in seiner Gesamtheit unmöglich macht, an der Pflege des öffentlichen Lebens sich zu beteiligen. Ist das eine Schwäche? das würde sie sein, wenn sie nicht weit überholt würde durch die oben schon betonte Klarheit und Stärke des sittlichen Urteils. Das ist der kristallhelle Kern jeder gesund entwickelten echt weiblichen Natur; er fängt die Lichtstrahlen auf aus seiner gesamten Umgebung, um sie in der mannigfachsten Strahlen leuchtend zurückzugeben; er besitzt die Unbarm- herzigkeit des vollendeten Spiegels, welcher auch nicht die geringste Falte verschweigt; er hat auch die Klarheit der schärfsten Linse und deckt auch die kleinsten Schäden auf. Diese Eigen- schaften besitzt er jedoch nur als Anlagen, mit welchen die Natur ihn ausgestattet hat; sie ent- falten sich erst zu ihrer Reinheit und Schönheit durch die sorgsame und planmäßige Erziehung, wie auch der edelste Stein erst seinen Wert erhält durch den künstlerischen Schliff. An diesem Werke mitzuarbeiten ist die Schule berufen; alles, was sie leisten kann und will, muß auf diesen Punkt gerichtet sein; ihre Hauptsorge und oberste Frage kann nur die eine sein: wie erziehen wir die weibliche Jugend zu dieser Untrüglichkeit des sittlichen Urteils?
Es kann gewiß nicht unsere Absicht sein, auf dem Raume dieser wenigen Seiten eine erschöpfende Antwort zu geben auf diese umfassende und tiefgreifende Frage. Aber über die erste Voraussetzung wird wohl ein berechtigter Zweifel nicht aufkommen dürfen, daß dieses sitt-


