Jahrgang 
1887
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heitlichem Geiste der Jugend gegenübertreten, daß nicht der eine zuläßt, was der andere ver- wirft, oder der eine gar verdirbt, was der andere pflanzt. Nennen wir es eine Einheit der Welt- anschauung, in welcher die Mädchen in der Schule erzogen werden sollen; aber vermeiden wir es, diese wieder in eine Reihe von blumenreichen Redewendungen zu kleiden, die ihren Ursprung aus der Romantik nicht verleugnen können und in ihrer Mehrzahl wenig Klares enthalten, dagegen zu viel Mißverständnis den Samen säen. Die Frau ist nicht mehr»die Trägerin des Idealen«; sie hat auch sehr reale Aufgaben zu erfüllen, und außerdem werden sich die Männer mit Recht beschweren, wenn sie von»dem Idealen« sollen ausgeschlossen werden. Auch die Pflege des Ge- müts setzt die Frau nicht allein in den Stand, mit Klugheit die Welt, in welcher sie sich bewegt, zu überblicken und zu beherrschen. Es hat eine Zeit gegeben, wo der Lehrer mit einer Rose in der Hand das Klassenzimmer betrat, und eine Stunde lang über die Schönheit der Blume mit, solcher Ergriffenheit redete, daß nicht allein ihm, sondern auch seinen Schülerinnen die Thränen entströmten. Diese Zeiten sind aber vorbei; nur die Erinnerung an diese Gefühlsüberschwäng- lichkeit ist noch nicht erloschen, und ihre Nachwirkung trübt noch zur Stunde das Urteil, welche über das Leben und Treiben der Mädchenschule in anekdotenhaften UÜbertreibungen oder auch in geistlosen Witzeleien sich kundgiebt.

Dürfen wir nun doch das Wagnis unternehmen, eine Umschreibung der Aufgabe der Mädchenschule aufzustellen, so müßte dieselbe ihren Ausgang nehmen von der Grenzlinie, welche die Verschiedenheit der Geschlechter zieht. Das ist ein zu rühmendes positives Resultat, daß die Mädchenschule die Geleise der Knabenschule nunmehr endgiltig verlassen hat und beginnt ihre eigenen Wege sich zu suchen. Noch ist kaum mehr als dieser Ausgangspunkt klar beleuchtet aber einzelne Lichtstrahlen dringen doch schon weiter. Eine bewußte Verschiedenheit tritt auch schon deutlich zutage, welche gerade jene oben schon berührte ungleiche Betonung von Unter- richt und Erziehung hervorhebt. Der Knabe braucht für seine künftige Berufsthätigkeit eine bestimmt bemessene Summe von allgemeinen und Fachkenntnissen; mit diesen muß die Schule ihn ausstatten. Aber nur in seltenen Fällen hat er schon so früh die Lebensstellung vor Augen, welche er dereinst einnehmen wird; der Sohn eines Fabrikanten, oder Okonomen, oder Groß- händlers sieht schon von Jugend auf den Stuhl, auf welchem er später sitzen wird, doch sind das nur Ausnahmen, vielleicht sogar nicht einmal beneidenswerte. Weitaus die meisten jungen Leute müssen sich ihre Lebensstellung erobern; dazu gehört in erster Linie die Schärfe des Blickes, die Klarheit und Kühle der Berechnung, die schon im voraus die Konsequenzen ihn überblicken lätzt. Ist auch diese Anlage des Intellekts eine Gabe der Natur, so soll doch die Schule denselben beleben und stärken; in unzähligen Proben auf den verschiedenartigsten Gebieten wird derselbe geübt, erprobt, korrigiert und angefeuert; wird aus dem tüchtigen Schüler später eine hervor- ragende Persönlichkeit, so wird rückwärts geforscht, wo die Grundlagen dieser Größe gelegt worden sind; mit gehobenem Bewutztsein hört die Schule ihren Namen nennen als derjenigen, welche den berühmten Mann in seiner Jugend gepflegt hat; und sie hat ein bescheidenes Recht zu solchem Ruhm, wenn sie wirklich zur Schärfung dieses Geistes ihr Teil beigetragen hat.

Und die Mädchenschule? Sie erzieht freilich keine großen Staatsmänner, oder bedeutende Gelehrte, oder hervorragende Geschäftsleute; sie kommt nicht in die Lage sich dessen rühmen zu dürfen, daß sie an der Ausbildung einer seltenen Persönlichkeit mit gearbeitet habe; sie ent- geht damit aber auch der Gefahr, nach diesem Ruhme zu geizen. Die Schreckgestalt der»Wissen- schaftlichkeit«, welche in die Mädchenschule sich eindrängen soll, ist, bei Licht besehen, doch