Jahrgang 
1887
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7 Lehrer ist es unmöglich, von Ort zu Ort zu reisen um Einsicht zu nehmen der Besuch der Versamm- lungen von Fachgenossen erfordert einen großen Aufwand von Zeit und Geld;znur wenige sind in der Lage, sich solche Reisen erlauben zu dürfen. So steht es mehr oder weniger mit sämtlichen Unter- richtsfächern. Daraus entspringt das Gefühl des Abgeschnittenseins, und weiterhin die Erkenntnis, daßz die lebensfrischen, kräftigen Impulse fehlen, welche auch dem besten Lehrer unentbehrlich sind, wie das tägliche Brot. Hier tritt die Notwendigkeit einer staatlichen Organisation ein; hier wird die Erfahrung abgewogen; das Bewährte kommt zu allgemeiner Geltung und Einführung; kleinere Kreise schließen sich wiederum zusammen und können sich verständigen, denn sie haben einen gemeinsamen Boden unter den Füßeen. Die allgemeinen Fragen werden in die einzelnen Kollegien getragen, werden erörtert und abgeklärt; die Tropfen fließen zusammen und bilden den Fluß, welcher dem Ganzen fortwährend neue Kraft und neues Leben zuführt, während die einzelne Schule, mag sie noch so viel eigene Lebenskraft besitzen, der Stagnation, d. h. dem Stillstand, oder was unter Umständen gleichbedeutend ist, dem Rückgange verfallen, muß sobald sie isoliert und auf den engen Kreis der eigenen Erfahrung beschränkt bleibt.

Das sind die wohlerwogenen Gründe, welche allerorts, und nicht minder auch bei uns den Wunsch hervorgerufen haben, daß die längst in Aussicht stehende allgemeine Regelung des höheren Mädchenschulwesens in Preußen endlich ins Leben treten möchte.

Indessen, so sehr wir von der Notwendigkeit dieser Thatsache an sich überzeugt sind, so wenig machen wir andererseits das Heil der Zukunft allein abhängig von einer solchen staatlichen Organisation, und wäre dieselbe auch die denkbar vollkommenste.

Für jede Art von Knabenschulen ist ein Ideal möglich, in welchem die einzelne Anstalt aufgehen kann bis zu einer fast völligen Verwischung ihrer lokalen Eigenthümlichkeiten. So weit kann keine Mädchenschule ihren heimatlichen Charakter aufgeben wollen, im Gegenteil bleibt ihre persönliche Gestalt das Produkt der Lebensnahrung, welche sie aus dem Wurzelboden empfängt, an dem sie mit allen ihren Existenzbedingungen haftet. Sowohl ihrer Natur, wie ihrer Aufgabe gemäfz führt sie ein viel innerlicheres Leben, als dies irgend einer Knabenschule vergönnt sein kann. Der Accent fällt bei ihr ausgesprochen in höherem Grade auf die Erziehung, als auf den Unter- richt; über diesen Punkt sind Meinungsverschiedenheiten unter den Fachgenossen an Mädchen- schulen wohl ausgeschlossen. Weiterhin können wir uns auf die übereinstimmenden Anschauungen aller klarblickenden Männer berufen, daß der sittliche Gesundheitszustand jeder Generation weit- aus und zu oberst durch die Reinheit und Festigkeit des Familienlebens bedingt ist, und weiterbin, daß die Pflege dieser zarten und keuschen Familienbande wiederum das gottbegnadete Vorrecht der Mütter ist. Hier stoßen wir auf das noch in der Lösung begriffene Endproblem der Mädchen- schulfrage; was kann und mut die Schule dazu beitragen, daß die Mädchen, für ihre höchste Lebensbestimmung ausgerüstet werden, als fromme, wahrhaftige und kluge Hüterinnen des häus- lichen Herdes das Glück einer Familie zu begründen und zu bewahren? An der Lösung dieses Rätsels arbeitet jeder einzelne Lehrer, jede Schule, jede staatliche Organisation; aber die Ant- wort wird nimmermehr zusammengefatzt werden in einer Definition, oder einem Lehrplan, oder in einem Statut; sie wird ihren befriedigenden Ausdruck erst finden, wenn alle beteiligten Fak- toren ihre Anschauungen durch fortgesetzten Austausch und Verkehr geklärt haben werden, wenn die sorgsam abgewogenen Erfahrungen und das aus der Berufsgewitheit quellende Pflichtgefühl mit maßvoller Besonnenheit die Grenzen abgesteckt haben werden zwischen dem Wünschenwerten und Möglichen; wenn, zunächst in jedem engeren Kreise, die zusammenwirkenden Kräfte in ein-