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Thatsachen sich aufführen ließen? Doch nur das Eine, daß es überall Mängel und Schwächen gibt; denn es wird doch keinem Verständigen einfallen solche Späße als Regel aufstellen zu wollen. Trotz der Unfertigkeit im ganzen, wie im einzelnen hat das Erziehungswesen der weiblichen Jugend in den letzten 1 ½ Jahrzehnten gewaltige Fortschritte gemacht; trotz der viel- fach unzureichenden Kräfte und Mittel ist gerade in der Mädchenschule so viel redliche und segenreiche Arbeit geschehen, daß dieselbe einen Anspruch auf Beachtung wohl erheben darf. Diesen abfälligen Urteilen, welche sich nun einmal nicht belehren und bekehren lassen wollen, wird einzig und allein die Wurzel abgeschnitten durch eine feste Umgrenzung des Lehrgebietes und eine klare Ausprägung des Charakters der höheren Mädchenschule.
Die Elisabethenschule freilich könnte sich allen diesen Vorgängen gegenüber kühl ver- halten; sie könnte sich auf ihren Besitzstand zurückziehen und sagen: diese Fragen berühren mich nicht; wir arbeiten in durchaus geordneten Verhältnissen; unsere Einrichtungen, sowohl in der Abstufung der Klassen, wie in der Zusammensetzung des Lehrerkollegiums, wie auch in der Ausstattung mit Lehrmitteln und sonstigen Unterrichtsbedürfnissen, sind zweckmäßig und bewährt; durch eine Regelung von staatlicher Seite können wir schwerlich viel gewinnen, wohl aber stark beunruhigt werden durch eine Aufnötigung von Neuerungen, welche uns vielleicht gar nicht zusagen.
Wer möchte sich der Wahrheit verschließen, welche aus solchen Erwägungen heraus- leuchtet? Und doch liegt neben dem Wahren ebensoviel Täuschung. Genauer zugesehen dürfen wir uns der Erkenntnis nicht verschlietzen, daß wir nicht im Zentrum stehen, sondern daß wir von dem großen Strome der Bewegung auf dem Gebiete der Mädchenschule nur teilweise berührt werden. Wir wissen z. B. wohl, daß die Methode des neusprachlichen Unterrichts in einem ge- waltigen Umschwunge begriffen ist; die alte grammatische Lehrweise wird stark befehdet von der sogenannten analytisch-synthetischen; in anderen Landesgebieten, so in Baden, ist die Neuerung schon in der Durchführung begriffen. Wir erfahren über diese Bewegung wohl aus Zeitschriften und Zeitungsnotizen, aber wir stehen isoliert, ohne Zusammenhang und Austausch mit anderen, deren Erfahrungen wir nützen könnten. Warum sollten wir uns das Lehrgeld nicht sparen dürfen, welches andere haben zahlen müssen? Und doch fühlen wir, daß wir auf einem Wege wandeln, welcher uns je länger um so weniger befriedigt. Darf eine so große Anstalt, wie die Elisabethen- schule sich auf Experimente einlassen? Wir sagen unbedenklieh: Nein! das Wagnis ist zu groß; der Organismus ist zu schwerfällig; ein Fehlgriff würde uns in eine unverantwortliche Verwirrung bringen. Bevor wir in einen neuen Weg einlenken, müssen wir gepau orientiert sein; diese Ori- entierung ist aber nur möglich durch persönliche Berührung, unmittelbare Einsichtnahme, münd- lichen Austausch. Hierzu fehlt uns jedoch jegliche Verbindung. Eine andere ebenso empfindliche Stelle bildet das Turnen. Die Elisabethenschule nimmt für sich das Verdienst in Anspruch, die erste deutsche Mädchenschule zu sein, welche das Turnen als obligatorischen Lehrgegeustand ein- führte. Sie hat auch zwei Jahrzehnte lang als das Muster gegolten für jüngere Schulen, welche ihren Turnunterricht ordneten. Diese Verdienste der Elisabethenschule gebührten aber in Wirk- lichkeit einigen Männern, welche mit begeistertem Eifer und Verständnis das Turnwesen so mächtig gefördert hatten. Nun steht ein anderes Kollegium an deren Stelle, welches die Traditionen zwar festhält, es hat jedoch die Erkenntnis, daß anderwärts auch ein frischer Geist sich belebt hat; man hat andere Formen, andere Methoden, andere Gerätschaften bewährt gefunden und ein- geführt. Auch von ihnen wissen wir wohl; aber wir kennen sie nur von Hörensagen. Dem einzelnen


