Jahrgang 
1887
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nicht ausreicht. Die wichtigste Umgestaltung würden die ersten Schuljahre erfahren. Statt 12 deutscher Stunden(incl. Schreiben) würden in der IX., VIII. und VII. Klasse deren nur 9 ge- stattet werden. Der Rechenunterricht würde in der untersten Klasse, statt mit 6 Stunden, mit 3 beginnen, Klasse VIII. statt 6 deren 4 aufnehmen; das Pensum des ersten Jahrgangs würde dagegen, statt des Zahlenkreises von 1 20, auf 1 100 erhöht werden; das Pensum der VIII. Klasse, welches jetzt den Zahlenkreis von 1 100 umfaßt, würde im Kopfrechnen bis 1000 reichen, im schriftlichen Rechnen dagegen bis 10 000. Es widerspricht durchaus der Erfahrung, in welcher alle hiesigen Schulen übereinstimmen, daß das Fortschreiten gerade in den ersten Schuljahren eine solche Beschleunigung annehmen darf, auf Kosten einer durchaus sicheren Aneignung des Lehrstoffes gerade bei den Schülerinnen mittlerer Begabung. Wir können auf die Zustimmung der Eltern uns getrost berufen, daß die mühselige Arbeit des Einübens, welche die Schule weniger leistet, naturnotwendig der häuslichen Nachhülfe zugeschoben werden muß. Außerdem kommt aber gerade in den späteren Schulstufen es in auffälliger Weise zutage, wenn auf der untersten Stufe die Schulung keine gründliche gewesen ist. Es ist unser wiederholt betontes Bestreben gewesen, den Lehrstoff nach seiten der Quantität zu beschränken, um innerhalb der gesteckten Grenzen eine umso größere Sicherheit zu erzielen. Nur dadurch ist es uns möglich geworden, bei den Versetzungen günstige Resultate zu erreichen; während nach statistischen Aufstellungen in der 1Oklassigen Mädchenschule durchschnittlich 7,5%, in der 9klassigen dagegen 12,5% der Schüle- rinnen jährlich nicht zur Versetzung kamen, belief sich in der Elisabethenschule die Zahl der Schülerinnen, welche das Klassenziel nicht erreichten auf 5,8%(d. h. Oster- und Herbstver- setzungen zusammengerechnet).

Wir sehen jedoch von der naheliegenden Versuchung ab, die einzelnen Aufstellungen des Normallehrplans einer eingehenden Beleuchtung zu unterziehen. Das Heil der Zukunft hängt für das höhere Mädchenschulwesen auch nicht an dieser oder jener methodischen oder didaktischen Frage. Die örtlichen Verhältnisse und Bedürfnisse werden für die Organisation concret ausge- prägter Formen der einzelnen Schule immer bedeutend mitbestimmend sein. Es liegt auch keiner- lei Nötigung vor, eine uniforme Gestalt vorzuschreiben, welche durch den ganzen preußischen Staat ebenso unabänderlich sein müßte, wie die Bestimmungen über die Knabenschulen jeglicher Kate- gorie. Weder hängen an den einzelnen Stufen der Mädchenschulen gewisse staatliche Berechtigungen, noch ist ein Austausch der Schülerinnen zwischen den einzelnen Mädchenschulen so häufig, daß derselbe eine völlige Gleichheit der Organisation wünschenswert machte.

Statt dieser Ausarbeitung eines Normallehrplans bis in das einzelne Klassenpensum stellen wir einen Wunsch auf, welcher ebensowohl alle Forderungen in sich vereinigt, wie alle Freiheiten gestattet. Jede Organisation des höheren Mädchenschulwesens mußte ausgehen von einer tiefer- wogenen und klargefaßten Bestimmung des Bildungszieles, welches von der höheren Mädchen- schule angestrebt werden soll. Gerade aus der Unklarheit dieser letzten und obersten Frage sind so viele Irrungen und Mißgriffe geflossen, die sogerne aufgegriffen und ins Ungeheuerliche auf- gebauscht wurden, wenn man das Gebahren und Verfahren der Mädchenbildung ins Lächerliche oder Gehässige ziehen wollte. Gewiß läßt es sich nicht bestreiten, daß in den Mädchenbildungs- anstalten manches Absurde mitunter laufen mußte, solange dem nicht vorgebeugt wurde, daß die wichtigsten Unterrichtszweige in die Hände von Unberufenen gerathen konnten. Es würde nicht schwer fallen, aus der Praxis der Knabenschulen mindestens ebenso drastische Kuriosa mitzuteilen. Aber was beweisen solche Auswüchse, wenn dieselben nicht als Anekdoten, sondern als beglaubigte