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diese Frage war brennend und wichtig genug, um ihrer Lösung mit Erwartung entgegen zu sehen. Im August 1886 kam die Nachricht, daß dieser Lehrplan fertiggestellt sei; bald darauf brachten Berliner Blätter auch seinen Wortlaut unter der Überschrift:»Normal-Lehrplan für höhere Mäd- chenschulen«; so entstand die allgemeine Annahme, welcher zunächst nicht widersprochen wurde, daß dieser Lehrplan als der längst erwartete Normal-Lehrplan für das höhere Mädchenschulwesen in Preutzen anzusehen sei. Die öffentlichen Blätter aller Gattungen brachten größere Stücke oder einzelne Sätze aus demselben, welche sie, je nach der Richtung des Blattes, in ihrem Sinne mit Randbemerkungen begleiteten. Die Fachblätter konnten die große Enttäuschung nicht verschweigen, die gerade da am lebhaftesten empfunden wurde, wo man dieser ersten Grundlage einer allge- meinen Ordnung mit größter Spannung entgegengesehen hatte. Die X. Hauptversammlung des Deutschen Vereins für das höhere Mädchenschulwesen, welche in Berlin vom 5.— 7. Oktober 1886 tagte, bot die Gelegenheit, die Einwürfe gegen den Lehrplan eingehend zu äußern und zu prüfen. Das Gesamtergebnis war ein den allseitig geäußerten Bedenken entsprechendes. Die Hauptversamm- lung beauftragte schließlich den engeren Ausschuß»unter Zugrundelegung des Normal-Lehr- plans(für die höheren Schulen zu Berlin) unter Berücksichtigung der in den Referaten und De- batten angegebenen Gesichtspunkte etc. einen Normal-Lehrplan für die höheren Mädchenschulen zu entwerfen und denselben dem preußsischen Unterrichtsminister vorzulegen«. Kurz zuvor war näm- lich die amtliche Veröffentlichung des Normal-Lehrplans erfolgt; doch trug derselbe, autbzer einigen inzwischen eingeführten Anderungen des Textes, nunmehr die Oberschrift»Normal-Lehrplan für die höheren Mädchenschulen in Berlin.«
Die Genesis des Lehrplans ließ vermuten, daß er den örtlichen Verhältuissen Berlins an- gepaßt sei; diese Voraussetzung wurde dadurch bestätigt, daß derselbe den Berliner höheren Mädchenschulen zur Einführung übergeben wurde. Es konnte ihm auch nur zur Klärung gereichen daß er auf seinem heimatlichen Boden einer Prüfung durch die Praxis unterzogen wurde. Doch lag die Folgerung nahe, daß seine Einführung in allen höheren Mädchenschulen der Monarchie für die Folge in Aussicht genommen sei. Dies bestätigte sich durch die amtliche Umfrage, welche an die Direktoren der höheren Mädchenschulen erging, mit welchen Modifikationen der Normal- lehrplan für die höheren Mädchenschulen in Berlin auch an den auswärtigen Schulen zur Ein- führung gelangen könnte. Ein solches Gutachten wurde auch von der Elisabethenschule einge- fordert. Dasselbe gab uns die erwünschte Gelegenheit, im allgemeinen unsere Freude darüber zu äußern, daß mit einer Regelung des öffentlichen höheren Mädchenschulwesens ein Anfang gemacht worden sei. Doch konnten wir im einzelnen nur die Besorgnis begründen, daß durch eine un- mittelbare UÜbernahme des Normallehrplanes die gegenwärtige Lehrverfassung der Elisabethenschule von Grund aus umgestaltet werden würde; auch kein einziges Unterrichtsfach würde in seiner jetzigen Gestalt belassen bleiben.
Da mancherlei irrige Auffassungen über den Umfang, wie Inhalt des genannten Planes durch die öffentlichen Blätter verbreitet wurden, darf es nicht unterlassen werden an dieser Stelle zu betonen, daß die Anforderungen unseres Lehrplanes der I. Klasse die Forderungen des Normal- lehrplanes im Deutschen, Französischen, Englischen, in der Geschichte und Physik nicht erreichen, in Religion und Geographie denselben gleichstehen, und im Rechnen dieselben vielleicht um eine Kleinigkeit überholen. Wir sind zu der Uberzeugung gekommen, daß der Normallehrplan nach der strengen Interpretation seines Wortlauts Forderungen aufstellt, für deren Bewältigung die geistige Reife der Schülerinnen der I. Klasse, welche durchschnittlich im 15. Jahre stehen, noch


