Jahrgang 
1885
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einem Geschäfte gezwungen zu sein, für das man keine Liebe hat, oder zu dem uns die natür- lichen Anlagen versagt sind!

Und ist denn überhaupt, wie vielfach geglaubt zu werden scheint, der Lehrberuf die einzig wohlanständige und der weiblichen Natur angemessene Erwerbsthätigkeit für Mädchen? Ernsthaft wird das wohl niemand behaupten. Wir wollen gewiß nicht in Abrede stellen, daß dieser Beruf an sich höchst naturgemäß sei, nach dem Beispiel, das jede tüchtige Mutter giebt, indem sie ihre Kinder unterweist und erzieht. Aber jede Mutter ist auch dadurch tüchtig, daß sie wirtschaftet mit klugem Sinne, und dabß sie ihre Häuslichkeit sich und den Ihrigen zu Lieb und Frommen mit feinem Geschmack, mit Ordnung und Nettigkeit zu schmücken versteht. Und wie sollten denn nicht auch in dem weiteren Haushalt der bürgerlichen Gesellschaft zu gleicher Bethätigung der wirtschaftlichen Tüchtigkeit oder des schmückenden Schönheitssinnes sich tausend Gelegenheiten finden? Will ein junges Mädchen nur sich auch außer dem Hause nützlich machen, so kann es das sicherlich, wenn es etwas tüchtiges gelernt hat, und es wird ihm auch bei Fleiß und glücklichem Streben nicht fehlen, sich durch solche Thätigkeit eventuell eine selbständige Existenz zu sichern. Und ob eine solche Thätigkeit ihr wohl austehe, ja, das entscheidet, unsres Erachtens, nicht sowohl die Arbeit, als die eigene Würqde, die sie sich selbst durch gute Sitten und tüchtige Bildung des Kopfes wie des Herzens giebt.

Unser Rat ist also für alle gebildeten Väter, denen die Zukunft der Töchter Sorge macht: laßt Eure Kinder zuerst eine gute Schule durchmachen, aber ganz, damit sie nicht ein Stückwerk, sondern eine fertige Schulbildung mit in's Leben nehmen. Dann prüft mit ernster Sorgfalt, wohin das Mädchen mit seinen Anlagen und Neigungen am besten paßt. Das eine wird Liebe und Geschick zur Kindererziehung haben; gut, so laßt es ein Seminar besuchen; das andre wird eine vorherrschende Neigung zu wirtschaftlicher Thätigkeit besitzen Ihr seht's an der Art, wie es der Mutter gern und mit Geschick in allen häuslichen Geschäften zur Hand ging ihm wird sich auch außer dem Hause jetzt gewiß Gelegenheit bieten, erst zu lernen, dann sein Können zu üben. Einem dritten Mädchen gehen alle Handarbeiten leicht und glücklich von der Hand, ja es besitzt vielleicht ein ausgesprochen künstlerisches Talent: wohl ihm! Geschickte Arbeiterinnen in des Wortes edler Bedeutung sind heutzutage überall willkommen. Laßt es eine tüchtige Fachschule noch durchmachen, und es wird vortrefflich später bestehen können. In ganz besonderen Fällen, wenn nämlich die Hoffnung ist, ein ange- borenes Talent zu mehr als mittelmäßiger Entfaltung zu bringen, wird sich ein eigentlich künstlerischer Beruf noch wählen lassen, in Musik oder Malerei oder in welcher Kunst es sei; nur prüfe dann das Elternhaus noch mit besonderer Sorgfalt, ob dem Mädchen das Hinaustreten vor das große Publikum, das stürmisch bewegte, mit Enttäuschungen und Gefahren aller Art verbundene Künstlerleben zuträglich sein kann, d. h. also, ob es demselben die rechte Charakter- festigkeit entgegenzustellen vermag.

Dat alle diese Möglichkeiten, der Not der Zeit entsprechend, weiter entwickelt werden zum Besten aller Derer, die nicht berufen sind, in einer eigenen Häuslichkeit ihren Lebenszweck zu erfüllen, das ist Aufgabe der menschlichen Gesellschaft überhaupt, in welcher wir heutzutage viele hochherzige Individuen wie Vereine und Behörden rastlos in solchem Sinne thätig sehen. Nicht aber ist dies schon eine Aufgabe der höheren Mädchenschule, die nur den allgemeinsten Bildungszwecken dienstbar ist. Will man daher die letztere gerecht beurteilen und von ihr den rechten Nutzen ziehen, so unterscheide man ja immer fest und klar zwischen dem, was das