Jahrgang 
1885
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haupt die höhere Mädchenschule mehr als bisher dem allgemeinen Verlangen nach erhöhter Erwerbsfähigkeit nachgeben; sie soll eine allgemeine, keine einseitig fachmäßsige Bildung geben, und jedes Studium der weiblichen Eigenart muß ja den Pädagogen immer wieder zu der Über- zeugung bringen, daß es sich bei der Pflege der weiblichen Bildung ganz zu allererst um die Wahrung der Weiblichkeit und in ihr um die Pflege einer schönen Idealität in Kopf und Herz handelt. Wenn irgend eine zukünftige Zeit diesen höchsten und schönsten Zweck aller Mädchen- erziehung verlernte oder auch nur geflissentlich vernachlässigte, so würde sie reif sein für alle traurigen Konsequenzen einer schrankenlosen Frauenemanzipation und dann gnade Gott aller Heiligkeit der Familie und aller Sittenkraft der Nation! Wir wollen uns in Deutschland heute dazu beglückwünschen, daß wir so extreme Bahnen noch nicht einzuschlagen genötigt sind; daß unsre Mädchen noch nicht auf Schulen, die von denjenigen der Knaben ganz ununterschieden wären, zu allen denkbaren Berufsarten des öffentlichen Lebens vorgebildet werden, sondern, daß immer noch unser liebstes Ideal vom Weibe dasjenige von einer echt weiblichen Hausfrau ist, die das Herz auf dem rechten Fleck hat und ihr Glück nicht in den Kämpfen des unge- messenen Ehrgeizes, sondern in der Liebe und Pflege derer findet, die zu ihrem häuslichen Herde gehören.

Indessen, die einmal berührte Frage der weiblichen Erwerbsfähigkeit hat noch eine besondere Seite, die wir nicht unerörtert lassen können. Es ist freilich für uns ein Glück, daß wir in dieser Hinsicht in Deutschland nicht gleich alles nachmachen, wozu uns z. B. Amerika das Vorbild giebt. Doch haben wir oft beklagt, daß uns andrerseits aus überlieferten Vorurteilen auch da noch einer Weiterentwickelung der thatsächlich sehr dringenden Frage Hemmnisse im Wege stehen, wo an und für sich eine Schädigung idealer Güter, eine Verletzung des Weiblichen, nicht in Frage kommen kann. Wir denken an die allzuweit verbreitete Ansicht, daß einer Tochter aus anständiger Familie behufs ihrer materiellen Selbständigkeit eigentlich nur der eine Beruf des Lehramts zustände oder wohlgeziemend sei.

Daher kommt es, daßz wir eingestandenermaßen heute eine wahrhaft erschreckende Überproduktion an weiblichen Lebramtsaspirantinnen haben. Es hat sich auch hier ein»Proletariat der Intelligenz« erzeugt auf Grund der dem deutschen Volke überhaupt innewohnenden Vorliebe zu aller rein geistigen Thätigkeit, zum Studium, zur Ideologie oder wie wir es nennen wollen. Unser materialistischer Zeitcharakter hat dem noch nicht im geringsten Abbruch thun können, und am meisten leiden darunter, freilich unbewußt, diejenigen Stände, die auf den Universitäten ihre Bildung erhalten.

Vergeblich fragt man sich bei jedem Lehrerinnenexamen: wo sollen nur alle die jungen Mädchen hin? Wo können sie Verwendung finden? Und in der Not der Antwort auf eine solche Frage kommt uns dann die beklagenswerte Auskunft, daßz wir unsre Töchter zu Tausenden dem Auslande zuschicken müssen, damit sie dort ihr Brot verdienen oder auch wie oft! zu Grunde gehen.

Mit aller Wärme der Überzeugung, und gestützt auf ein reiches Material der Erfahrung, können wir deshalb den Eltern nur den dringenden Rat geben: überlegt's doch dreimal und zehnmal, ob denn Eure Töchter gerade Lehrerinnen werden müssen! Vor allem aber: laßt nur ja nicht die Rücksicht aufs künftige Brot den entscheidenden Grund für Eure Entschließung sein, sondern fragt und prüft Eure Mädchen zu allererst, ob sie auch für den Lehrberuf die

rechte Begabung und das rechte Herz haben! Nichts ist ja unseliger im Leben, als aus Not zu Elisabethenschule 1885. 2