Jahrgang 
1885
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zahlreichen Fälle solcher mangelhaften, unfertigen Ausbildung der Schule zur Last gelegt werden? Wie oft nicht kann man es bespötteln hören, daß eine junge Dame zwar in Asien und Australien Bescheid wisse, aber im eigenen Vaterlande nicht; daß ihr zwar Karl der Große ein guter alter Bekannter sei, aber die französische Revolution, die Schlacht bei Leipzig zu den völlig uner- hörten Dingen gehöre; dab sie zwar von der Nibelungen Not zu reden wisse, aber ihren Schiller kenne sie nicht u. s. w. Es liegt auf der Hand, daß, wenn man damit der Schule einen Vorwurf macht, man dieser meist ein schweres Unrecht zufügt; denn die Schule will freilich all dies zur Bildung dringend Notwendige der Schülerin beibringen, aber natürlich erst, wenn sie die für solche Materien unbedingt erforderliche Reife des Geistes erreicht hat; nur haben leider oft die Eltern nicht auch die Einsicht, diese Reife abzuwarten.

In anderen Fällen muß die öffentliche höhere Mädchenschule wieder Ansprüchen begegnen, die über das Maß dessen, was sie bieten kann, weit hinausgehen. Bot sie in dem eben besproche- nen Falle zu viel, so wird nun wieder über ein zu wenig geklagt. Und zwar von sehr ver- schiedenen Standpunkten aus. Eine oft wiederkehrende Klage bezieht sich auf die Behandlung der fremden Sprachen, und dann tadelt man gern die Betonung des Grammatikalischen und vermißt die fleißigere Übung der Konversation. Aber man vergißzt, daß die letztere überhaupt es unmöglich auf unsren großzen Schulen zur vollkommenen Fertigkeit im mündlichen Gebrauch einer fremden Sprache bringen kann, daß sie hierzu weder das sehr bedeutende Maß von Zeit, noch die notwendigen aus dem Auslande stammenden Lehrkräfte aufzuwenden vermag, ebenso- wenig wie dies auf Realgymnasien möglich ist. Das fremde Idiom sprechen lernt man schließlich doch nur da, wo man täglich und stündlich nur dieses hört and nur dieses sprechen muß im Auslande selbst. Die Schule hat also gewiß so unrecht nicht, wenn sie lieber dies vergebliche Streben auf das notwendigste einschränkt und dafür der gründlichen Erlernung der fremden Grammatik und der Lektüre den Vortritt gönnt, in welchen beiden Disciplinen für die formale wie reale Geistesbildung unstreitig doch der höchste Gewinn liegt.

Bedeutsamer noch erscheint uns eine andere Klage, die in der heutzutage überall in der Luft liegenden Tendenz auf Erweiterung der Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechtes ihren Grund hat. Man möchte wünschen, daß auch die höhere Mädchenschule noch mehr dem Utilitätsprinzip huldige; man spricht von mancherlei theoretischem Ballast und verlangt eine größere Betonung des Realen, Praktischen; das Rechnen, die Naturwissenschaften, der Hand- arbeitsunterricht wie das Zeichnen, ja selbst die Sprachen sollen mehr die praktischen Bedürf- nisse des späteren Lebens der Hausfrau, der Geschäftsdame berücksichtigen. Gewiß ist dies Verlangen bis zu einem gewissen Grade durchaus berechtigt, und findet auch gerade auf der öffentlichen Schule seine Befriedigung mehr, als auf den Privatschulen es möglich ist, denn die öffentliche Anstalt verfügt zumeist über einen weit entwickelteren Apparat der einschlagenden Unterrichtsmittel. Dennoch muß uuns eine weitere Nachgiebigkeit in dieser Richtung bedenklich erscheinen. Denn einmal ist es die Aufgabe von Fachschulen, den anerkannten Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Und dann würde eine noch vermehrte Arbeit in dieser Tendenz auf das Praktisch-Reale die für den gesamten Lehrplan angestrebte Einheitlichkeit und Harmonie sehr zu Ungansten der idealen Zwecke der weiblichen Bildung aus dem Gleichgewicht bringen. Das aber würden wir im Interesse der Gesamtentwickelung unserer modernen Gesellschaft tief beklagen müssen, wenn auf solche Weise die Rücksichten auf die ästhetische wie die Gemütsbildung des weiblichen Geschlechtes ernstlich geschädigt würden. Nur mit besonnenem Zögern darf über-