5 da eine freundliche Gesinnung zu erwecken, Mißverständnisse aufzuklären und zu gemeinsamer Thätigkeit ersprießliche Wege zu öffnen, so haben sie vollkommen ihren Zweck erfüllt.
Das Schlimmste wohl, was man einer Institution, wie der in Rede stehenden, anthun kann, ist der Anspruch, daß sie allen Wünschen und Hoffnungen genügen soll, die nur irgend- wie in den betreffenden Interessentenkreisen gebegt werden können. Denn abgesehen davon, daß eine jede menschliche Veranstaltung überhaupt nur relativ vollkommen sein wird und ihr also irgend welche Mängel immer anhaften werden, so ergiebt sich schon aus dem Umstande, daß eine öffentliche Schule wenn nicht allen, so doch sehr vielen und unter sich sehr verschie- denen Kreisen des Publikums zur Benutzung zustehen muß, eine nicht minder große Mannig- faltigkeit von Urteilsmaßstäben und Wertmessern, die vielleicht, jeder für sich betrachtet, durch- aus berechtigt erscheinen, aber in der Praxis sich doch schwer miteinander vereinigen lassen. Unsre höheren Knabeunschulen leiden offenbar weniger unter diesem Übelstande; denn einerseits bieten sie in der Mannigfaltigkeit ihrer Organisation schon eher Befriedigung für die verschie- denartigsten Bedürfnisse, und audrerseits ist die Knabenerziehung überhaupt weit mehr den individuellen Ansprüchen und Anschauungen entrückt und vielmehr den zwingenden Gewalten unterstellt, die auch im späteren Leben Beruf und Stand der Männer regeln. Ganz im Gegen- satze dazu ist aber gerade der Individualismus von Hause aus gleichsam der Wurzelboden aller Mädchenerzichung, und sie wird und soll sich auch niemals demselben ganz entziehen. Schon ganz allgemein betrachtet, hat die Rücksicht auf die dem weiblichen Geschlechte eigentümliche, schwächere oder zartere Konstitution ihre volle Berechtigung und findet in der Praxis des Schullebens notwendig in tausend einzelnen Fällen ihre Anwendung. Aber viel wichtiger noch ist für uns derjenige Individualismus, der sich in der puntesten Mannigfaltigkeit je nach den zahllos verschiedenen Standpunkten und Neigungen, Bildungsgraden und Weltanschauungen der Elternkreise geltend machen möchte. Da strömen in der höheren Mädchenschule zusammen die Töchter der reichen Kaufleute, der Gelehrten, der Beamten, der wohlhabenden Bürger, ja selbst der Handwerker, wenn diese für ihre Kinder vielleicht auf eine künftige Erwerbsfähigkeit im Lehrerinnenberufe spekulieren. Sie alle aber haben begreiflicherweise gar verschiedenartige Vorstellungen von dem Maß und Ziel der Bildung, die sie als für ihre Töchter wünschenswert halten. Man vergegenwärtige sich nur einmal das punte Bild von Ansprüchen, das sich so ergiebt, und man wird ermessen können, wie schwierig es sein muß, das rechte Durchschnittsmaß zu treffen. Der Begüterte, der seiner Tochter eine sorgenfreie Zukunft prognostizieren darf, wünscht sein Kind durch die Schule zu einer angenehmen, in der Gesellschaft brauchbaren geistigen Façon gebracht zu sehn; es ist ihm lieb, wenn sie in fremden Sprachen parlieren, wenn sie in Sachen der Litteratur und der freien Künste ein Wörtlein sagen kann, das ihren Geschmack erweist; aber im übrigen verzichtet er gern auf jede erusthaftere Anstrengung und fürchtet eher von ihr für die gewaudte, gesellschaftliche Leichtigkeit und Sicherheit des äußeren Betragens. Dem studierten Vater liegt dagegen gerade die solidere geistige Durchbildung seiner Tochter mehr am Herzen; er möchte, daß sein Kind dermaleinst dem Manue auch in dieser Beziehung etwas biete und für dessen Bildungsinteressen Verständunis habe. So giebt er denn auch schon mebr Wert dem realen Wissen, in den Spracheu der grammatischen Durchbildung, im Deutschen dem Aufsatze und der sorgfältig gepflegten Lektüre. Dem bürgerlichen Mittel- stande gebricht es meist an bestimmt formulierten Wünschen; die Tochter macht die höhere Töchterschule so weit mit als dies üplich ist, nämlich bis zur Konfirmation; den Vater freut


