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Und schlimmer noch ist dies, dass die ungeheure Komplikation unsrer modernen Kultur zugleich mit der immer wachsenden Ubervölkerung jedem Einzelnen den Kampf um's Dasein so sehr erschwert hat; dass hieraus wieder sociale Notstäude sich entwickelt haben, die zumeist gerade dem friedlich glücklichen Bestand und Zusammenhalt der Familie mit zersetzender Kraft entgegentreten und schon die Gründung der Familie so sehr erschweren. Wie eilig müssen wir's haben, unsre Söhne an's Verdienen zu bringen; wie früh schon müssen wir sie aus dem Vaterhause entlassen! Nur in wenigen Ständen noch können Besitz und Beruf behaglich weiter vererben von Geschlecht zu Geschlecht und auf heimatlicher Scholle; die allermeisten Menschen wohnen— zur Miete, und hierhin und dorthin schleudert die Not des Lebens die Glieder einer Familie weit auseinander. Und uicht nur unsre Söhne, nein, auch unsre Töchter berührt dieser heutige Zustand aller Verhältnisse ganz direkt: die Zukunft der Mädchen ist überall eine große Sorge geworden; wer nicht so glücklich ist, seinen Töchtern aus eigener Habe gewissermaßen eine Existenzgarantie zu gewähren— und wie viele können das nicht!— der muß auf andre Weise für sie sorgen, daß sie lernen sich selbst zu erhalten; er muß auch seine Töchter, wie seine Söhne, für das öffentliche Leben erziehen.
Man mag eine solche Notwendigkeit beklagen, aber sie ist da mit all ihren unerbittlichen Konsequenzen; man mag insonderheit beklagen, daß aus solchen Verhältnissen der Pflege echter, schöner Weiblichkeit Gefahr drohe und mittelbar auch der in der heiligen Reinheit der Familie
wurzelnden Sittlichkeit des ganzen Volkes— wir können die zwingenden Ursachen nicht aus dem Wege räumen und müssen nun mit aller Kraft nur dahin streben, daß ihre Wirkungen möglichst unschädliche werden— und wir sind der Meinung, daß dies letztere sehr wohl
möglich ist und auch überall geschieht.
Es ist außerordentlich charakteristisch, daß in früheren Zeiten, als alle Verhältnisse im alten Europa noch einen einfacheren Zuschnitt hatten, die Mädchenerziehung mit einer wahrhaft wunderbaren Sorglosigkeit— vernachlässigt werden konnte und wenigstens unter den öffentlichen Angelegenheiten gar keine Rolle spielte, während die Neuzeit mit erstaunlichem Eifer auch diesen Zweig pädagogischer Thätigkeit betont und zu einer allgemein interessierenden Augelegenbeit erhebt. Die öffentliche höhere Mädcheuschule ist recht eigentlich ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts.
Die Entwickelung der höheren Mädchenschule ist außerordentlich rasch vor sich gegangen und zum teil unter den lebhaftesten Kämpfen, wie dies nach Lage der Sache nicht anders möglich war. Von der früher üblichen Anspruchslosigkeit bis zu unsren heutigen großen Schul- anstalten war allerdings eine weite Bahn zu durchmessen, und es konnte nicht fehlen, daß alle möglichen und unmöglichen Anschauungen dabei sich Einfluß zu schaffen suchten. Im allge- meinen aber dürfen wir wohl mit dem gewonuenen Resultate zufrieden sein, denn die ganze Schöpfung geschah unter den denkbar günstigsten Auspicien in so fern, als sie in eine Zeit fiel, in der überbaupt die pädagogische Kunst in Praxis und Theorie ganz außerordentliche Fort- schritte machte und eine Lebensfülle und eine drängende Kraft an den Tag legte, wie noch nie zuvor. Damit soll freilich nicht gesagt sein, daß speciell die höhere Mädchenschule schon den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht habe; sie ist sogar noch weit davon entfernt; aber sie darf den Anspruch erheben, in ihren bisherigen Leistungen geachtet, und in ihrem ferneren Streben nach Vervollkommnung uuterstützt zu werden. Der letzteren Hoffnung gilt vornehmlich unsre Betrachtung, und wenn unsren Auseinaudersetzungen es auch nur gelingen sollte, hie und


