Jahrgang 
1885
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Zur Verstandigung.

Ein Wort an die- Eltern,

von

Dr. Ewald Böcker.

Ziel und Methode der höheren Mädchenbildung sind immer noch vielumstrittene Probleme. Unter allen pädagogischen Fragen, an welchen heute gearbeitet wird, sind diese verhältnismäßig die jüngsten, und wenn ihre Lösung im ganzen und großen auch sehr weit fortgeschritten erscheint, so macht sich doch in tausend Einzelheiten immer noch eine gewisse Unsicherheit geltend, ja, selbst gegen die grundlegenden Prinzipien, wie sie namentlich bei der öffentlichen höheren Mädchenschule allgemein zur Durchführung gelangt sind, erhebt sich noch oft genug und von den verschiedensten Seiten her mehr oder minder lephafter Widerspruch. Wer freilich mit der Entwickelung der ganzen Frage einigermafzen vertraut ist, den kann dies nicht wunder nehmen; denn er weißz, wie die Lösung der Frage überhaupt nur auf der Basis der wider- sprechendsten Grundanschauungen gleichsam als eine Art von Kompromiß hat unternommen werden können, und jeder, noch so geschickt ersonnene Kompromiß pflegt das Schicksal zu haben, daß er auf allen Seiten einen Rest von Zweifeln und Ansprüchen übrig lätst, die er zu beseitigen eben aubzer stande ist. Man erwäge nur, wie einleuchtend einerseits die Anschauung ist, daß unsre Frauen ihrer idealsten Bestimmung gemäß als das kostbarste Heiligtum der Familie, als Schmuck, Ehre und Glück des Hauses gelten sollen, und daß infolge dessen nichts natürlicher und richtiger sein kann, als die Töchter nur im Hause in der liebenden Fürsorge und Obhut der Eltern zu erziehen. Und dann erwäge man, wie selten andrerseits heutzutage eine solche rein häusliche Erziehung möglich ist, wie wenig sie mehr in den Rahmen uusrer ganzen Kulturverhältnisse hineinpassen will. Ja, wenn man noch, wie in früheren Zeiten patriarchalischer Einfachheit, sich mit dem Besten, was man hat und erlebt, in sein Haus und seine Privatinteressen ver- schließen könnte! Aber heute, im Zeitalter der großen Städte, des schrankenlosen Verkehrs, da schaut die éffentlichkeit uns überall in die Feuster hinein; Gesellschaft, Staat, Kirche, Gemeinde, alles fordert jedes Einzelnen Kräfte zum allgemeinen Lebenskampfe heraus, und niemand kann sich mehr von dieser Solidarität der öffentlichen Interessen lossagen, er müßte denn fliehen

wollen bis über die Grenzen aller Civilisation.