Jahrgang 
1884
Einzelbild herunterladen

27

Die umfassenden Vorbereitungen zur Feier des vierhundertjährigen Geburtsfestes Dr. Martin Luthers, welche wie das ganze deutsche Land, so auch unsere Stadt in Bewegung brachten, nahm auch unsere Vorsorge in Anspruch. Eine Kommission, welche in der Gesami- konferenz des Kollegiums gewählt worden war, entwarf ein spezialisiertes Programm; in den Religionsstunden wurden die evangelischen Schülerinnen auf die Bedeutung des bevorstehenden Gedenktages hingewiesen und, soweit dies nötig und angezeigt erschien, mit den großen Ereig- nissen der Reformationszeit bekannt gemacht.

Nachdem das aufgestellte Programm die Genehmigung des Königl. Provinzial-Schul- Kollegii eingeholt hatte, fand am 10. November vormittags die Schulfeier statt. Zu derselben wurden die sämtlichen evangelischen Schülerinnen versammelt; zu unserem großen Bedauern verbot es der Mangel an Raum, weitere Kreise zur Teilnahme einzuladen. Mit Chorgesang wechselten Deklamationen von Schülerinnen von der VII. Klasse aufwärts bis zur I. Die Fest- rede hielt Herr Oestreich; in einfacher und ansprechender Weise wurde Luthers Werk nach der Seite siner nationalen Bedeutung geschildert, dessen gewaltiges Eingreifen den Gang der Geschichte unseres Volkes bis auf diesen Tag bestimmend beeinflußt habe. Es steht zu hoffen, daß dieses Gedenkfest wie im ganzen deutschen Volke, so auch in unserer Schule eine bleibende Erinnerung finden wird.

Fortan nahm die regelmäßige Arbeit einen ununterbrochenen Verlauf. Die Weihnachts- ferien, welche vom 22. Dezember bis zum 7. Januar sich erstreckten, boten eine erwünschte Gelegenheit, um neue Kraft für das ungewöhnlich lange zweite Quartal des Wintersemesters zu sammeln. Dasselbe wird am 29. März geschlossen werden. Acht Tage zuvor, den 22. März, wird der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers in hergebrachter Weise feierlich begangen werden. Die Festrede wird Herr Kollege Mardner halten.

3. Der Gesundheitszustand bei Lehrern und Schülerinnen und sein Einfluss auf die Regelmässigkeit des Unterrichts. Wechsel in der Zusammensetzung des Kollegiums.

Für den Gesundheitszustand des Kollegiums können wir den Verlauf des Schuljahres nicht als besonders günstig bezeichnen. Von einer großen Anzahl von Erkrankungen, welche Vertretungen bis zur Dauer einer Woche nötig machten, abgesehen, war das Jahr besonders für einzelne Herren und Damen verhängnisvoll. Fräulein Becker wurde zu Beginn des Sommer- semesters genötigt auf dem Lande einen vorübergehenden Aufenthalt zu nehmen, um ihre erschütterte Gesundheit zu kräftigen. Ebenso mußte Fräulein Klump Wochen aus dem gleichen Grunde ihre Thätigkeit unterbrechen. Am stärksten wurde Herr Heß betroffen, welcher das Unglück hatte einen Fuß zu brechen; die Heilung desselben fesselte ihn vom 3. September bis zum 25. Oktober an das Zimmer. Auch Herr Geist wurde durch ein Fuß- leiden zwei Wochen vom Schulbesuche abgehalten. Nach so vielen Störungen dürfen wir uns freuen, daß der normale Zustand in der letzten Zeit wiederkehrte. Da keinerlei chronische Krankheitsanlage innerhalb des Kollegiums zu Besorgnissen für die Zukunft Anlaß bietet, können wir dem kommenden Schuljahre hoffnungsvoll entgegen sehen.